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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 473 - 474

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Samuel Frug
Date
1904-07-01
Page
Seite 473 - 474 (sequence 4)
Language
German
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473 Dr. J. Eliaschow: Samuel Frag. 474 gefunden hätte. Zwei Gottbegnadete, zwei Brüder im Geiste waren es, die zu gleicher Zeit in die russische Literatur eingingen: Frug und Nadson. Es mag fraglich sein, wer von beiden der grössere ist. Eins jedoch steht fest: Nadson gehört ganz der russischen Literatur an, Frug aber nicht. Frug gehört uns, gehört uns aber nur zum Teil, nur zur Hälfte, weil ein Volk ohne Nationalsprache, ohne Land kein Ding ganz besitzen kann. Sogar unsere Schriftsteller und Dichter gehören uns nur auf eine Weile und nur bedingungsweise an. Und doch, wer Frug richtig verstehen will, muss ihn nehmen, wie er sich in seinen russischen Liedern zeigt. Denn in seinen Jargongedichten ist er lange nicht jener Dichter, den wir so hoch schätzen. Das beweist sein Buch „Lieder und Gedanken". Aus diesen Gedichten tönt uns seine ganze Verachtung für den Jargon entgegen. In seinen Augen sieht die jüdische Muse aus wie ein altes, welkes Grossmütterchen, in verschlissenem, schmutzigem Gewände. In ihrer Gestalt spiegelt sich all der wilde Chaos, all der unmalerische Wirrwarr des jüdische Lebens in den kleinen Städten, wie es sich im Hause, auf dem Marktplatz, im Cheder und in der „Klaus" abspielt. Dieses ganze Leben malt sich vor Frugs geistigen Auge in vier Bildern ab: geboren werden, heiraten, einem armseligen Beruf nachjagen, sterben. In seinen Jargonliedern gibt Frug sich nicht einmal Mühe, sein wahres Talent zu zeigen. Es stört ihn nicht, manches Lied in einem tief wehmütigen poetischen Ton anzustimmen, der dann jäh umschlägt und in den zornwütigen Scheltworten eines empörten Maskil ausklingt. Ein Beispiel hierfür ist sein Lied: „Der Himmel öffnet sich". Der Jargon stösst ihn ab, er schildert mit bitterem Humor, wie er mit allen Zähnen die „liebe Sprache unserer Mütter" zermalmt und zerkaut, um sie etwas weicher zu machen, wie er sie mit Cäsuren und Reimen würzt, um jenen lieben Geruch des Wilnaer Gemüse- und des Dünaburger Fleischmarktes zu dämpfen, „der dreizehn Meilen in der Runde den Ort umweht, wo auch nur ein einziges Jargonwort blüht". Ihm, der auf dem freien Lande, am Busen der Natur aufgewachsen ist, der einen Funken von Abels, des Urahns aller ruhigen Erdbebauer Seele von Hause aus mitgebracht, ihm ist die Jargonwelt zuwider, zuwider der törichte Lärm unseres Lebensjahrmarktes, wohin das Volk kommt mit dem Kainsmal auf der Stirn: „ Ein Irrender sollst du all die Tage deines Lebens sein." Obgleich wir also von ihm im Jargon solche herrlichen Gedichte besitzen, wie die „Sterne" und „Das Lied von der Arbeit" (letzteres ursprünglich russisch gedichtet), so ist seine Bedeutung für die Jargonliteratur nicht gross; unter den Schöpfern des heutigen Volksschrifttums nimmt er nur einen geringen Rang ein. Seine ganze Kraft, die volle Grösse seines poetischen Talentes lernt man nur aus seinen russischen Werken kennen, die aber zum Unglück niemals die Seele der jüdischen Volksmassen ganz erreichen werden.1) * * * Wenn wir Frugs Leben und Schicksal betrachten, dann ertönt in unseren Ohren der uralte Fluch: „Deine Kinder werden einem fremden Volke angehören." Frug, der so tief die Leiden seines verwaisten Volkes empfand, der für den aufblühenden nationalen Gedanken sich begeisterte, eben dieser Frug war gezwungen, seine Gedanken dem Ton eines fremden Volkes, dem Geist slavischen Sprache anzupassen. Ihm widerfuhr dasselbe, was dem ganzen jüdischen Volke stetig widerfährt: Kräfte werden geboren, die keinen Raum finden, sich auszuleben, und sie graben sich notwendigerweise ein Bett, um in fremde Seen zu münden. Die jüdische Volksseele hat ihren Körper verloren und lebt in zahllosen fremden Körper. Wie ein irrendes Gespenst zieht es durch die Literatur aller europäischen Völker, und noch ist der geniale Zauberer nicht geboren, der sie durch seinen Spruch erlöst und zur Ruhe bringt. * * * In den achtziger Jahren sehnten wir uns nach einem Sänger, der unsere Leiden und Hoffnungen singe. Er kam. Viel gab er uns, und wenn er uns nicht alles gab — wir selber tragen die Schuld daran. Alles was von Gott reich beschenkt wurde, bedarf der Säulen, auf die es sich stütze. Wo aber sind die Säulen, welche die Kuppel, die Krönung, die hohen Geister unseres Volkes tragen könnten? . . . 1) Eine hebräische Uebersetzung der russischen Gedichte jüdischen Inhaltes von Frug in fünf Bändchen lieferte Jakob Kaplan. (Verlag der Thuschija, Warschau.)

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