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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 463 - 464

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit
Date
1904-07-01
Page
Seite 463 - 464 (sequence 3)
Language
German
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Dr. Max Eschelbacher: Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit. 464 aber 3468 M. Erhebend für uns liegen die Verhältnisse auch beim Armenverein, der die Notleidenden mit Bargeld, Lebensmitteln, Brennmaterialien und Milch für Kranke und Säuglinge unterstützt. 23 513 M. haben hier die Juden aufgebracht, noch nicht einmal die Hälfte dieser Summe, nämlich nur 10 248 M. die Christen. Freilich betrug die Durchschnittsleistung bei jenen auch 61 M., bei diesen nur 16 M. Und was würde gar die Dr. Stephansche Augenklinik anfangen, wenn die Juden nicht wären! Trotz der 341,50 M., die Katholiken und Protestanten ihr gespendet, wäre sie doch in grosser Verlegenheit, wenn die Kinder Israel nicht noch 1468,50 M. dazu gelegt hätten. Auch die patriotischen Vereine, sowie die mit allgemeineren Zwecken, dürfen sich nicht über Vernachlässigung von seiten der Männer des alten Bundes beklagen. Als der Vaterländische Frauenverein 1890 zum Hauskauf sammelte, da gingen von christlicher Seite 5050 M. ein, von denen aber, denen so viele Lumpen gewerbsmässig die Liebe zum Vaterlande absprechen, 12100 M. Der Verein zur Pflege verwundeter Krieger zählt in seinen Reihen zwar nur 34 °/0 Juden, dafür bringen sie aber auch 57,8 % a^er ausserordentlichen Beiträge auf (2503 M. gegen 1675,50 M. von christlicher und 155 M. von unbestimmter Seite). Und bei unzähligen anderen Vereinen, bei der Gesellschaft zur Verbreitung von Volks¬ und Jugendschriften (150 M. von Juden, 140 M. von Christen), beim Hauspflege verein (Juden 2640 M., Christen 2935 M.) oder beim Gefängnisverein (Juden 1462 M., Christen 1302 M., unbestimmt 512 M.) herrschen die gleichen Verhältnisse. Wenn so oft vom jüdischen Gelde die Rede ist, das überall tätig sei, und dessen Einfluss jeden Kreis beherrsche, dann ist das wohl eine Anspielung auf den Allgemeinen Frauen verein zur Wohltätigkeit, einen paritätischen Verein, wo Juden in den Jahren 1887 bis 1890 bei den ausserordentlichen Einkünften die Kleinigkeit von 89% aufgebracht hat (Juden 10 264,30 M., Christen 920,30 M. 1890: Juden 636 gegen 33,50 M. von christlicher Seite). Bei den Gaben zur Weihnachtsbescherung anno 1891 hat nur wenig daran gefehlt, dass sie mehr gespendet hätten als die christlichen Glaubensgenossen (795,50 M. gegen 888,70 M.). Auch der Verein für Ferienkolonien könnte leicht in die Gefahr kommen, seine Tätigkeit einstellen zu müssen, wenn die Frankfurter mosaischer Konfession nicht 51 °/0 der einmaligen Beiträge aufbrächten (3293 M. gegen 2690 M. von christlicher Seite und 404 M. unbestimmt). Wie einst für Simon den Gerechten, so ist also auch für den heutigen Juden die werktätige Menschenliebe eine Grundsäule der Welt. Die Milgliederlisten der Vereine zeigen das, nicht minder aber auch die Verzeichnisse der Sammlungen. Im Jahre 1896 wurde in Frankfurt eine Sammlung für die notleidenden Armenier veranstaltet. Von Christen wurden 1440 M. beigesteuert, von Juden 2106, bei 2093 M. konnte der Spender nicht ermittelt werden. Dass im Jahre 1897 nach dem Untergange des deutschen Kriegsschiffs „Iltis" die Juden für die Hinterbliebenen 311 M. spendeten, ist ein Zeugnis ihres patriotischen Sinnes. Dass die andern nur 290 M. opferten, ist eine Blamage. Gern wird auch die Frankfurter Feuerwehr sich der Juden erinnern, denn bei einer Sammlung für den Unterstützungsfonds im Jahre 1901 haben diese zu dem Ergebnis von 8525 M. allein 3486 M. beigetragen. Das seltsamste Resultat aber hatte die Kollekte zum Zweck der Gründung eines Altenheims in Idstein. Israel brachte hier 121 897 M. zusammen. Die Sammlung der Bürgerschaft (15 432 M.) übertrafen sie damit beinahe um das achtfache. Freilich, bisweilen bewegt sich die jüdische Wohltätigkeit auch auf Gebieten, wo man ihr wenig dankt. Diesen trüben Gedanken erweckt in uns die Liste des Tierschutzvereins. Dieser verfolgt edle Zwecke. Er will Tierquälereien verhüten, er richtet Kliniken für Hunde und Katzen ein, und im Sommer lässt er, wenigstens in Berlin, Strohhüte für die Droschkenpferde herstellen, damit ihnen die Hitze nicht beschwerlich falle. Das sind ideale Bestrebungen. Um so trauriger aber ist es, wenn trotz alledem diese Vereine so vielfach von Antisemiten missbraucht werden. Diese benutzen einige davon als Werkzeuge, und so kommt es, dass gerade von manchen Tierschutzvereinen aus mit ganz besonderer Kraft die Hetze gegen das Schächten betrieben wird. Der Frankfurter Verein gehört wohl nicht dazu, es wäre je sonst unbegreiflich, wie die Juden sich in hellen Haufen diesem Verein angeschlossen haben. Unter 1414 Mitgliedern zählte er ja im Jahre 1891 nicht weniger als 353 Juden, und von den Spendern der unregelmässigen Gaben entfielen auf sie 33,3 °/0, ein volles Drittel. So sind die pekuniären Leistungen der Juden. Ihre soziale Bedeutung erschöpft sich aber im Vereinsbeitrag so wenig, wie der Patriotismus im Steuerzahlen. Wer in den Kellern der Armenquartiere die Kranken aufsucht und die Elenden versorgt, kann mit Herz und Hand und Kopf soviel Glück verbreiten, wie ein anderer mit dem Geldbeutel. Und auch ihre Person haben die Juden so gut eingesetzt, wie nur irgend eine Klasse. Freilich, das lässt sich nicht statistisch feststellen. Dank haben sie nicht immer dafür gefunden. So haben sie gerade in diesen Tagen in Königsberg im Kampfe gegen die Not in die vorderste Reihe sich gestellt, um Hohn und Spott dafür zu ernten. Wie anderwärts, so wachsen auch am Pregel die Arbeiterkinder ohne genügende Fürsorge auf. Mann und Frau sind den ganzen Tag bei der Arbeit, und die Kinder lungern verwahrlost im Hause herum. Das bedeutet für viele den Tod, das schafft die unheimliche Kindersterblichkeit in diesen Kreisen. Dass Kinder, die von den Eltern unbeaufsichtigt gelassen werden mussten, beim Spielen mit Streichhölzern elend verbrennen,

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