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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 465 - 466

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit
Date
1904-07-01
Page
Seite 465 - 466 (sequence 4)
Language
German
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465 Dr. Max Eschelbacher: Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit. 466 passiert nicht allzu selten. Seit langen Jahren fehlte auch in Königsberg ausreichende Hilfe für solchen Jammer. Eine jüdische Frau ist es nun gewesen, die dort zuerst den Plan einer Krippe für die Arbeiterkinder fasste. Mit grosser Energie hat sie den Gedanken durchgeführt und weite Kreise dafür gewonnen. Sicherlich sind auch die Juden nicht zurückgestanden. In Frankfurt scheinen sie für Kinderhorte mehr zu leisten als die christliche Bevölkerung (unregelmässige Gaben 1890: Juden 1424 M., Christen 1417,68 M., unbestimmt 879 M.), und die Königsberger Juden sind nicht schlechter als die Frankfurter. Als Leiterin der Krippe kam seit Monaten schon ebenfalls eine jüdische Dame in Betracht. Sie ist seit langem als Krankenpflegerin erprobt, und tüchtige Aerzte haben sie empfohlen. Das Werk der Nächstenliebe und Tatkraft fand auch in nichtjüdischen Kreisen unerwartete Anerkennung. Denn Frau Auguste Körte, die Gattin des Oberbürgermeisters, hat an die in Aussicht genommene Leiterin einen längeren Brief gerichtet, bevor die endgültige Entscheidung fiel. Was stand in der Epistel wohl drin? Es wird wohl dankbare Anerkennung sein, da wir ja die Juden im allgemeinen und in diesem Fall die Königsberger im besonderen ohne Unbescheidenheit als Säulen der Wohltätigkeit ansehen dürfen, und darum soll dieser Epilog zu den Ausführungen über die jüdische Wohltätigkeit nicht fehlen. Die Frau Oberbürgermeister schreibt also: „Sehr geehrte Frau Kirschner! Bei nochmaliger reiflicher Ueberlegung hinsichtlich Ihrer Anstellung muss ich Ihnen mitteilen, dass ich die Bedenken, die ich von Anfang an gegen die Uebergäbe der Leitung an eine Schwester jüdischer Konfession hatte, nicht fallen lassen kann. Frau Dr. Stern hat sich bemüht, mich dazu zu überreden — sie meinte, ich kennte die Königsberger Verhältnisse nicht —, was ja, da wir erst seit einem Jahr hier leben, sehr begreiflich ist. Ich hatte aber gestern und heute Gelegenheit zu verschiedenen Rücksprachen mit Männern, die seit Jahren hier im öffentlichen Leben stehen, dabei vorurteilsfrei und erfahren sind. Sie bestätigen mir, dass meine Sorge, dass sich unsere neue Krippe in Arbeiterkreisen schwerer einbürgern würde, wenn eine Dame Ihrer Konfession sie leitete, berechtigt sei, und das müssen wir natürlich bei einem neuen Unternehmen vermeiden. Ich bedauere furchtbar, dass wir eine so tüchtige Kraft, wie die Ihre, verlieren, bezweifle allerdings nicht, dass für Sie unsere ärmliche Krippenstelle kein Verlust ist, da Sie wohl sicherlich bessere Anstellungen finden können. Mit vorzüglichster Hochachtung gez.: Auguste Körte. Damit haben die Königsberger Juden ihre Ohrfeige bekommen. Von ihrem Gelde hiess es: non olet, sie selber galten als anrüchig. Das ist ein schäbiger Lohn für soviel Aufopferung. Die Botschaft aus dem Norden zeigt wiederum, dass der Mensch nicht immer auf Dank rechnen darf, wenn er seinem guten Herfen folgt. Doch wer im Gedanken an die notleidende Menschheit sich der Armen und Zerschlagenen annimmt, der kann auch ohne Hoffnung auf Anerkennung die Wege gehen, die sein Gewissen ihn zu betreten treibt. Deshalb wird auch frecher Hohn es nie dahin bringen, dass er vor dem Elend seine Hand verschliesst. Doch wenn nicht dringende Not ruft, wird er oft gut tun, sich zurückzuhalten. Wenn, was er gibt, nicht allein das Unglück lindern, sondern zugleich auch den Ruhm anderer mehren soll, die sich schliesslich über den Spender lustig machen, dann wird auch der Jude, gewitzigt durch Erfahrungen, wie das Königsberger Erlebnis, lieber zu Hause bleiben. Er braucht sich nicht zu degradieren zur Sprosse einer Himmelsleiter, durch die andere auf seinem Rücken zu den seligen Gefilden des Ruhmes und der Anerkennung sich erheben. Was die Juden bisher schon geleistet haben, wird sie auf lange Zeit hinaus noch vor dem Verdacht bewahren, als ob schmutziger Geiz die Oeffnung ihres Geldbeutels versiegelt habe. Im Trotz» 6rauode sind meine Tage, Ton schweren Kämpfen geschwellt« jvielne fachte sind Märchen und Sage Ton einer judischen Stielt» Sie haben so leichte füsse, Tanzende Sieger der Qual, Ond bringen mir lachende Grüsse Tom 3oi*dantal. Berlin, mir alle sind stählerne Ritter, Die r.ur auf sich selber stehn. JNfoch hat hinterm Kampfesgegittcr Mein Hntlitz keiner gesehn. Doch ruhe ich na:hts von dem fluche, Der all uns zum 6rbe blieb, Hus dem alten, dem Urräterbucbe Steigt dann meine Hieb. Hotbar Brieger-SClasservogeU

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