Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 461 - 462 (sequence 2)
- Language
- German
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461 Dr. Max Eschelbacher: Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit. 462 lichkeit wirklich Ernst gemacht, wie an Stichproben sich dartun lässt. Bei der Darstellung der Verhältnisse beim Almosenkasten der israelitischen Gemeinde lässt er die Zahl der Gaben, die von unbestimmbaren Spendern stammen, mit 16,9 °/o figurieren, obwohl doch die allerhöchste Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass auch diese Beträge ausschliesslich von Juden stammen. Man darf ihm also trauen. Betrachten wir nunmehr die einzelnen Vereine. Zunächst die konfessionellen. Sie sind nur für den engeren Kreis der Glaubensgenossen bestimmt und auf deren Leistungen aufgebaut. So finden sie auch ihre Mitglieder fast nur im Kreise der Glaubensgenossen. Es kommt wohl niemals vor, dass ein Christ einer Synagoge eine Thorarolle verschafft, und ebenso scheint es uns verwunderlich, wenn ein Jude zu Kirchenbauten beiträgt, vor allem, wenn die Zuwendung nicht ganz reinlichen Motiven entstammte. Aber dieser allgemeine Grundsatz erleidet doch auch Ausnahmen, und es ist gut, wenn die Scheidemauern, die die Konfessionen trennen, sie nicht voneinander absperren. Es freut uns, wenn wir hören, dass eine Kommune, wie das schon vorgekommen ist, einer armen jüdischen Gemeinde den Platz zu ihrem Friedhof unentgeltlich überlässt, und ebenso ist es schon, wenn, wie das auch sich ereignet, ein jüdischer Fabrikant für die religiösen Bedürfnisse seiner christlichen Arbeiter sorgt. Betrachten wir nun unter diesem Gesichtspunkt die Frankfurter Verhältnisse. Die Trennung der Konfessionen hat dort die einen nicht blind gemacht für die Nöte der anderen. In ganz beträchtlichem Masse nehmen die Juden die Lasten von Vereinen auf sich, deren Erträgnisse ihnen nicht zugute kommen, und ebenso kommt auch von christlicher Seite, wenn auch in geringem Masse, manche Beisteuer für jüdische Organisationen. So hat die jüdische Gemeinde zu Frankfurt einen Almosenkasten zur Unterstützung armer Juden, die seit mindestens 2 Jahren dort ansässig sind. Die Mitglieder sind zwar ausnahmslos Juden und ausser diesen zahlt an regelmässigen Beiträgen keiner einen Pfennig, aber unter den ausserordentlichen Beiträgen finden sich neben den 25 841 M. von jüdischer Seite doch auch 157 M., die Christen gegeben haben, darunter ein Vermächtnis von 150 M. Und ebenso hat der israelitische Frauenverein zwei christliche Mitglieder. Wir sind solche menschliche Teilnahme von dorther so wenig gewöhnt, dass es uns schier seltsam anmutet, wenn der Gedanke an die Armen und Hilflosen einmal überwindet, was uns trennt, und der Glanz dieser Humanität verliert für uns nichts von seinem Schimmer, auch wenn wir erfahren, dass die Beiträge der beiden zusammen nur 4,60 M. betrugen. Ganz unverhältnismässig viel stärker aber ist die Teilnahme der Juden für die christlichen Institutionen. Da ist der Magdalenenverein, er bezweckt „die Aufnahme sittlich verwahrloster Personen weiblichen Geschlechts und evangelischer NATJM ARONSON. STUDIE FÜR MARMORRELIEF. oder katholischer Konfession"; eine sittlich verwahrloste Jüdin wird nicht aufgenommen. Dennoch zählt dieser christlich konfessionelle Vereine eine ganze Anzahl jüdischer Mitglieder. Wie hoch ihr Beitrag ist, lässt sich leider nicht erkennen. Die Diakonissenanstalt, der Verein der Diakonen des evangelischlutherischen Predigtministeriums und andere werden gleichfalls von Juden unterstützt. Von den 519 M., die im Jahre 1892 die von der Blindenanstalt für die Wreihnachtsbescherung veranstaltete Sammlung einbrachte, stammten 106 M. von Juden; jeder, der beisteuerte, hatte im Durchschnitt fast 12 M. gegeben. Es gibt genug Häuser, wo ein bettelnder polnischer Jude weggejagt wird mit dem Bemerken: „Hier wohnt kein Jude." Wenn wir daran uns erinnern, dürfen wir doppelt stolz sein. Daneben existieren noch zahlreiche Wohltätigkeitsanstalten, die ihre Tätigkeit nicht auf die Angehörigen eines bestimmten Bekenntnisses beschränken. Von ihnen darf man ruhig sagen, sie wären verloren, wenn die Juden nicht wären. 179 985 Einwohner hat Frankfurt, darunter sind noch nicht 10 % Juden, aber in der Wohltätigkeitspflege überwiegen trotzdem die Leistungen der Minorität ganz ungeheuer. Da ist die Armenklinik, ein Verein zur Pflege von Kranken ohne Unterschied der Konfession. Unter ihren regelmässigen Mitgliedern zählt sie 35 % Juden. Von den ausserordentlichen Ausgaben bringen diese mindesten 59 % auf, und wer weiss, wieviel von den 8 %> die von Philanthropen mit unbestimmbarer Konfession gegeben sind, gleichfalls jüdisches Geld darstellen. An Geschenken und Legaten wurden dem Verein von den 90 % Christen 1917 M. zugewendet, von den 10% Juden