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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 459 - 460

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Die Juden und die öffentliche Wohltätigkeit
Date
1904-07-01
Page
Seite 459 - 460 (sequence 1)
Language
German
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459 460 DIE JUDEN UND DIE ÖFFENTLICHE WOHLTÄTIGKEIT. Von Dr. Max Eschelbacher. (Nachdruckverboten.) Wenn im Kampfe gegen die Trunksucht ein Menschenfreund darauf hinweist, welche Übeln Folgen der Alkohol für das Glück und für die Gesundheit weiter Volkskreise hat, dann bleibt diese allgemeine Mahnung ohne besondeien Eindruck. Wenn er aber ziffernmässig darlegt, wie mehr als die Hälfte aller Verbrechen und eine grosse Zahl von Krankheiten einzig uad allein auf Wein, Bier und Schnaps zurückzuführen ist, dann verschwindet vor der Wucht dieser Argumentation selbst die dicke Wolke von Gemütlichkeit, in die die Poesie hierzulande die Kneipe einhüllt. Und so herrschen noch mancherlei Verhältnisse, deren Existenz ein jeder spürt und unklar ahnt, doch in ihrer vollen Bedeutung treten sie erst dann vor das Bewusstsein, wenn sie statistisch erfasst werden. Darin liegt die Bedeutung der Zahl. Sie bringt nicht immer neue Tatsachen, die völlig überraschende, ganz unerwartete Aufschlüsse geben könnten, sie bestätigt häufig nur? was mancher schon vorher gewusst hatte, aber dafür verwandelt sich in ihrem Lichte der frühere verschwommene, unklare Eindruck in ein scharf umrissenes, klares Bild. Lebendig erscheint nunmehr dem Auge, was es früher nur ganz unbestimmt sah. Diese alte Erfahrungsregel bewährt sich von neuem, wenn man die Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Wohltätigkeitspflege zahlenmässig betrachtet. Dass die Juden für die Wohltätigkeit mehr leisten, als die nichtjüdische Bevölkerung, das ist ein Eindruck, der sich jedermann aufdrängt. Wer irgend eine Liste von Kollekten oder von Rechenschaftsberichten irgendwelcher Vereine durchmustert, der trifft unverhältnismässig viel jüdische Namen an. Auf der ganzen Front der Wohltätigkeitspflege und der Sorge für Kulturinteressen irgendwelcher Art von der neuen Gemeinschaft bis zu den Kirchenbauvereinen sind sie zu finden. Das zeigt schon oberflächliche Betrachtung. Doch dieses rasch gewonnene Urteil könnte ja auch täuschen. Ist es doch auch sonst gar häufig das Schicksal der Juden, dass ihre Zahl in den Augen des Beobachters sich vervielfältigt. Hat er irgendwo ein Dutzend Juden gesehen, dann ist er gleich der Meinung: „Es war alles voll mit Juden." So wäre es wohl auch denkbar, dass dem prüfenden Beschauer von vornherein nur die Namen der Juden auffielen, und dass er alles andere übersähe, dass auch nur jene im Gedächtnis ihm haften blieben, und dass so infolge einer puren Selbsttäuschung eine ganz unbegründete Meinung über die Wohltätigkeit der Juden entstände. In der Tat ist uns dieser Vorwurf nicht erspart geblieben. Es wurde öfters behauptet, es sei nicht so weit her mit unserer Wohltätigkeit, und wo wir sie übten, da käme sie doch nur Juden zugute. Unter solchen Umständen muss notwendig an die Stelle des leichthin gewonnenen subjektiven Eindrucks eine wissenschaftlich genaue Untersuchung treten. Und wenn sich dabei zeigt, dass sie die ursprüngliche Meinung nur bestätigt, dann hat sie dennoch verdienstvoll gewirkt und nicht nur offene Türen eingerannt. Eine solche Darstellung ist nun erschienen. Der Statistiker Anton Bing hat ein Werk veröffentlicht, „Statistische Untersuchungen über private Wohltätigkeitspflege mit besonderer Berücksichtigung der aktiven Teilnahme der Konfessionen an derselben." Er will untersuchen, in welchem Verhältnis Christen und Juden zu den Lasten der Wohltätigkeit im weitesten Sinne, nicht nur der Armenpflege, beitragen. Er hat zunächst die Jahresberichte von 182 süddeutschen Vereinen untersucht und verglichen. Das Resultat dieser Forschungen gibt der erste Teil des Werkes wieder. Hier soll nur ein Bruchstück davon betrachtet werden, die Zusammenstellung von 42 Frankfurter Wohltätigkeitsvereinen. Frankfurt ist eine Stadt, in der das jüdische Element der Zahl wie der Güte nach besonders nachdrücklich hervortritt; die Frankfurter Verhältnisse erscheinen darum ganz besonders als typisch. Zunächst aber noch ein Wort über die Methoden, durch die die Ziffern ermittelt wurden. Die Vereinsberichte geben selbstverständlich das Glaubensbekenntnis ihrer Mitglieder nicht an, und es ist darum nicht leicht, eine exakte Statistik aufzunehmen. Auf die Namen darf man nicht allzuviel geben, denn als Hilfsmittel für die Ermittelung versagen sie häufig. Es gibt ja heutzutage Pastoren, die Abraham oder Israel heissen, und bei den Wahlen zur Berliner akademischen Lesehalle trat als Kandidat der antisemitischen Partei vor einigen Jahren ein Arier namens Kohn auf. Da heisst es also vorsichtig sein. Bing hat diese Schwierigkeiten überwunden, ihm standen in allen Vereinen Vertrauensmänner zur Seite, so dass er über ein ganz zuverlässiges Material verfügte. Bei einer grossen Zahl von Gaben können noch dazu die Spender unmöglich ermittelt werden. Kein Mensch kann wissen, wer der als N. N. bezeichnete Wohltäter ist, oder welche Mitglieder der Spielclub umfasst, der einen Teil seines Gewinnes der Charitas geweiht hat. Diese anonymen Geber hat Bing in einer dritten Rubrik „Unbestimmt" untergebracht. Er versichert dabei, er sei mit der peinlichsten Vorsicht vorgegangen und habe in Zweifel-: fällen stets zu Ungunsten der Juden entschieden. Das endgültige Resultat sei zwar das vorausgesehene, nicht aber das beabsichtigte. Es ist nicht ganz überflüssig, das heutzutage hervorzuheben, wo gerade auf dem Gebiete der Statistik der tollste Schwindel getrieben wird, wo aus den gleichen Ziffern die Sozialisten herauslesen, dass das Ende der Welt bevorstehe, während bisweilen ein wohlwollender Utopist daraus den Schluss zieht, dass die Zeit des allgemeinen Glückes nächstens anbrechen werde. Bing aber hat mit seiner Unpartei-

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