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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 455 - 456

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Der Bildhauer Naum Aronson
Date
1904-07-01
Page
Seite 455 - 456 (sequence 4)
Language
German
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Julias Levin: Der Bildhauer Naum Aronson. 456 455 NAUM ARONSON. BÜSTE. ist, wie etwa die plastische Auffassung, der die Balzac- Statue entsprang — ich sage, es ist Tatsache, dass Rodin vieles, was die Bildhauerei revolutionieren zu sollen schien, selbst aufgegeben hat. Dadurch schon hat er den Weg gezeigt, den zu betreten zwar nicht verboten ist, der aber zu einem Ziele nicht führen kann. Das antike Bildwerk ist und bleibt das Ideal Aronsons, dasjenige, das, geschlossen in der Form, in sich selbst das schönste Linienspiel verstattet und dem Leben einen höheren, vom Augenblicke abgelösten, endgültigen Ausdruck verleiht. Nicht das Aeusserliche der Antike ist es, was Aronson beeinflusst hat. Er ist in den Geist der Alten eingedrungen und in den aller derer, welche selbst von der Antike sich haben beeinflussen lassen, indem sie das Uebeikommene in sich bearbeiteten und zu selbständigen Werken umformten, mit Hilfe ihrer Persönlichkeit. Die Hauptvorbedingung Tür die Schaffung selbstständiger Werke erfüllt Aronson vollauf: er ist eine Persönlichkeit. Man wird ihm Rodin vorhalten, weil auch er aus dem Block gleichsam hervorwachsende Bildwerke gegeben hat. Wer indes genau zusieht, wird sehr bald finden, dass Aronson hierbei nichts weiter getan hat als etwa ein Verfahren seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Der Jüngere hat verstanden, seine Formen der Wirklichkeit näher zu halten als Rodin, bei dem der Stil vor allem geht, der die Natur durch Umformung zu ihr selbst zurückführt. Bei Aronson bleibt die Natur Natur. Ihr wird der Stil angepasst. Daher das Leben, das über alle Figuren Aronsons hinschwebt. Seine Skizzen und Studien, so interessant sie sein mögen, sind nicht interessanter als seine vollendeten Werke. Das ist der beste Beweis für die Sicherheit seiner Auffassung und seiner Technik. Es gibt Künstler, deren Entwürfe das Höchste erwarten lassen, Künstler, die sich im ersten Anlaufe ausgeben. Das Zeichen der Starken ist, dass ihre Skizzen und Entwürfe und ihre endgültigen Werke gleichwertig sind. Zu diesen gehört Aronson. Er ist seiner Mittel vollkommen Herr. In seinem Atelier habe ich fünf Köpfe gesehen, die in verschiedenem Materiale dargestellt sind. Zwei sind solche von Jünglingen, drei sind Mädchenköpfe. Die Jünglingsköpfe sind in rosa Marmor und Sandstein, die Mädchenköpfe in rosa resp. weissem Marmor gemeisselt. Scho rein technisch betrachtet, sind diese Arbeiten meisterhaft. Wie aber Aronson verstanden hat, die wunderbaren kräftigen Formen seiner Modelle in ihrer ganzen Eindringlichkeit, ohne Roheit, gleichsam als in dem Material selbst befindlich, herauszuholen, wie er mit Hilfe des rosa Marmors die Transparenz des blutdurchfluteten Antlitzes eines jungen Mädchens oder das trotzig Insichgekehrte eines krankhaft veranlagten jungen Menschen wiedergibt, in dem der Geist die Materie töten zu wollen scheint, das ist wahrhaft bewunderungswürdig. Sieht man daneben, wie eine im süssesten Schlummer atmende Frau in den Marmor wie in ein Kissen hineinsinkt, wie ein junges Mädchen den Block durchbohrt, um daraus den Beschauer anzublicken, so merkt man. dass die Eindringlichkeit dieser Einzelheiten nicht zuletzt auf Aronsons Kenntnis der Materialbehandlung beruht. Diese wird in der antik wirkenden Sandsteinbüste eines Jünglings geradezu triumphierend. Das Handwerk eben hat Aronson zum Meister der Materie gemacht. Es gestattet ihm, nicht bloss mit Möglichkeiten, sondern mit Sicherheiten zu rechnen, und es schweisst sein Kunstwerk, aus den einzelnen Teilen der Idee und Ausführung, zu einem geschlossenen Ganzen zusammen. Die Mannigfaltigkeit der Technik Aronsons ist erstaunlich, aber es ist nicht bloss ihre Mannigfaltigkeit, die uns staunen macht. Das Beste an ihr ist eben, dass sie sich dem Gegenstande so anzupassen weiss. Die Büste eines Knaben, die zum Bronzeguss be-

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