Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Chaim, der Schneider
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 6)
- Language
- German
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423 H. Pruschanski: Chaim, der Schneider. 424 und es höchst sonderbar gefunden, dass es Leute gab, die immer zu klagen hatten, nun hüllte sich die Welt auch für ihn in dunkle Farben. Früher umflatterte ihn bei der Arbeit das Glück und die Liebe der schönen Frauen, für die er nähte, wie Melodien war es aus dem Rauschen der Seide und den teuren Stoffen aufgestiegen. Nun herrschte Grabesstille im Haus, und wenn einmal Melodien erklangen, so waren sie schwer und dumpf. „Einer soll im Feuer sterben, der andere soll im Wasser ertrinken", hallten plötzlich die rituellen, alten Töne, ächzend, wie das Stöhnen eines Sterbenden, durch die Stube: O! o! o! o! begleitete der Geselle den Gesang des Meisters. „Einer soll reich werden und der andere arm", fuhr Chaim mit zitternder Stimme fort, und der Geselle wiederholte die Worte. Chaim senkte den Kopf. „Es kommt von Gott, dachte er. . . . Alles von Gott! Sein heiliger Wille ist über allem." IV. Doch es sollten noch schlimmere Zeiten über Chaim, den Schneider, kommen. Eine von seinen verheirateten Töchtern, die reich geworden war, ging eines schönen Tages zu seiner Konkurrentin und bestellte Kleider für sich und ihre Tochter. Sie sagte kein böses Wort, aber die Tatsache allein brachte den Alten aus der Fassung. Mit trüben, verwirrten Augen hockte er tagelang in seiner Kammer (sein Haus war längst verkauft, sein Weib tot, und die Kinder brachten sich allein durch die Welt), er tat nichts und ass nichts, und als sein unzertrennlicher Freund Herschke zu ihm kam, bemerkte er an ihn anfangs nichts besonderes. In jener Zeit hatten die beiden sonderbare Gespräche. „Chaim", begann der Schuster, „es ist schlecht." Chaim sass noch immer unbeweglich und gab kein Lebenszeichen. „Chaim", fuhr der Schuster lauter fort, „bist Du taub geworden, Du ärgerst Gott." Chaim wandte ihm langsam den Kopf zu und sah ihn mit seinen matten Augen an. „Chaim", fuhr der Schuster streng fort, „wir sind beide alt geworden, aber wir haben noch immer unsern Kinderverstand. Was ist denn geschehen? Und um was grämst Du Dich? Nu, die Schneiderin hat jetzt die ganze Arbeit, nu so soll sie ersticken mit ihrer Arbeit. Deswegen brauchst Du noch nicht zu verzweifeln." „Aber versteh', Herschke", begann Chaim leise mit zitternder Stimme, „die Tochter . . . verstehst Du, die Tochter, nicht irgend jemand, sondern die eigene Tochter." „Nu, die Tochter", unterbrach ihn Herschke mit einer energischen Handbewegung, „was, wenn die Tochter? Unsere Töchter können nicht dumm sein, was? Wir haben beide ohne Töchter gelebt und ohne ihr Verdienst, werden's auch schon irgendwie zu Ende bringen, nu?" „Ach! Herschke, es ist nicht so, gar nicht so wie Du denkst", sagte Chaim. „Du glaubst, mich kränken die paar Rubel, die mir entgangen sind. Nein, Gott sei mit ihm, mit dem Verdienst. Brauch ich ihn denn jetzt? Für Wasser und Brot reicht's immer noch . . . Aber verstehst Du, die Tochter . . . Die eigene Tochter geht zu meinem Feind, der mich beschämt hat und zugrunde gerichtet. . . Meine Tochter sagt ganz offen: „Ja, mein Vater taugt wirklich nichts, und ein gutes Kleid kann man ihm nicht mehr geben." Herschke, Du weisst nicht, wie das kränkt. . ." „Chaim, Du nimmst Dir alles zu sehr zu Herzen. Du vergisst, dass Deine Tochter jetzt eine richtige Aristokratin ist. Die Kinder lernen sogar Klavier spielen. Dein Schwiegersohn rasiert sich, was Wunder, dass Deine Braine sich jetzt kleiden will wie eine wirkliche Dame und nach der Mode." „Nach der Mode", rief Chaim mit funkelnden Augen und sprang auf. „Den Vater, seine Schande, seine Verzweiflung, sein Unglück, alles für die Mode hingeben. Jetzt kann sie sich noch einen Vater nach der Mode aussuchen. . . Ich bin wirklich schon veraltet. . . Haben denn hohe Herrschaften solche Väter? Sie sind ja jetzt so grossartig geworden, Bälle geben sie, Gesellschaften. . . Offiziere kommen hin, der Isprawnik selber! Ich gebe Dir mein Wort, Herschke, von heute ab kommt mein Fuss nicht mehr über ihre Schwelle." Einige Minuten ist dumpfes Schweigen in der Kammer, dann fährt Chaim, der Schneider, fort: „Ich weiss ja, was sie wollen. Ich soll mein Handwerk fahren lassen, das wollen sie. Sie schämen sich. Sie sind so hohe Herrschaften geworden, und der Vater flickt alte Sachen. Wie oft haben sie mir schon ein Monatsgeld vorgeschlagen, damit ich nur ruhig lebe und die Nadel sein lasse. Aber ich bin Gott sei Dank noch kein Esel und kann mir mein Stückel Brot noch verdienen. Ich hab' nie fremdes Brot gegessen und ich will's nicht im Alter probieren." „Das kann schon alles sein", warf Herschke ein, „aber ich sehe in all dem noch immer keinen Grund zur Verzweiflung." „Weil Du nie ein Schuster gewesen bist." „Wer, ich? Und was bin ich jetzt?" . „Jetzt machst Du Schuhe und verbesserst Schuhe, aber ein Schuster warst Du nie und wirst Du nie sein." „Du redest sehr gescheit, Chaim." „Das scheint Dir so, weil man Dir jeden Gedanken zerkauen und in den Mund legen muss. Verstehst Du, wenn Du ein richtiger Schuster wärest, d. h. wenn Du Dein Handwerk lieben würdest, und Dein Sohn würde kommen und würde sagen: „Vater, Du kannst keine ordentlichen Stiefel machen", so würde Dich das nicht gleichgültig lassen." V. Chaim, der Schneider, hielt sein Wort doch nicht, und trotz seines festen Entschlusses, das Haus seiner