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Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 421 - 422

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Chaim, der Schneider
Date
1904-06-01
Page
Seite 421 - 422 (sequence 5)
Language
German
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421 H, Prusclianski: Chaim, der Schneider. 422 A. LACHOWSKI. STUDIE. licher Schuster werden können, Du hast einen guten Kopf. Ich hab' das noch nicht bedacht. Und doch sag' ich Dir, es ist besser, ein Schafskopf zu bleiben und „ihre" Bücher nicht zu lesen." „Warum?" „Darum, weil es nicht zum Guten führt. "Wer sie liest, glaubt nicht mehr an Gott." „Herschke, sei nicht dumm! Du kennst sie nicht, und ich hab' einmal mit ihnen darüber gesprochen. Sie glauben ganz so wie wir. Nein, Herschke, das ist nicht so. Entweder wir beide sind Esel und verstehen nichts, oder ich weiss nicht mehr, was ich denken soll. III. Anfangs hatte „die Schneiderin" für Chaim eine rein moralische Bedeutung. Sie kränkte nur seine Eigenliebe und untergrub seinen Ruhm, erst allmählich machte ihr Eingriff in sein Reich sich auch noch ganz anders fühlbar. Die Aufträge fingen an seltener zu kommen. Ja, Chaim, der Schneider, der immer so stolz darauf gewesen war, dass die Bestellungen in seiner Werkstatt sich häuften, und der es nie begriffen hatte, dass es Menschen gibt, die keine Arbeit haben, demselben Chaim fehlte es jetzt mitunter an Beschäftigung. Gleich zu Anfang, als die Schneiderin eben aufgetaucht war, hatte er seine Preise heruntergesetzt, um seine Damen zu behalten, und war bis zu Kattun und gemeinem Stoff herabgestiegen, aber im Laufe der Zeit musste er die Erfahrung machen, dass auch dieses Mittel nicht mehr verfing, die Damen zogen es doch vor, zur Schneiderin zu gehen und ihr teures Geld zu zahlen. Das Band, das zwischen ihm und seiner Kundschaft bestanden hatte, lockerte sich von Tag zu Tag. Chaim, der Schneider, dieser früher so willkommene Gast, für den man immer ein liebenswürdiges Lächeln, ein gutes Wort und mitunter auch ein Gläschen Tee fand, derselbe Chaim wurde jetzt mit eisiger Kälte empfangen. „Was bringst Du?" fragte man ihn. Dieses offizielle „Was bringst Du?" empörte ihn am meisten. Nu, nehmen wir an, er war wirklich alt geworden, war ein Damenschneider, der zu nichts mehr taugt, aber er war doch noch immer derselbe Chaim, der an den Menschen hing, für die er gearbeitet hatte, und deren Interessen er in einer gewissen Beziehung sogar teilte; warum jetzt diese Kälte und die offizielle Begrüssung. Oh, es ist schwer zu begreifen, was in Chaim, des Schneiders, Seele vorging, als man ihm das antat. Aber Chaim, der Schneider, besass nicht nur eine Seele, sondern auch eine Familie, in der sich sogar zwei heranwachsende Töchter befanden, die mit grosser Ungeduld der Männer harrten, die eine gütige Vorsehung ihnen wohl bestimmt hatte. Schon allein aus diesem Grunde war es notwendig, neben den betrüblichen Reflexionen über die menschliche Unbeständigkeit auch noch eine konkretere Beschäftigung zu ergreifen. Und Chaim, der Schneider, in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, erniedrigt, getreten, fing an, von seinem hohen Standpunkt herunterzusteigen. Als Seide und Sammet fehlten, griff er nach Kattun, und als der Kattun ausging, denn selbst die Dienstmädchen liefen jetzt zur Schneiderin, machte er sich über das ordinäre Leder her, aus dem man Männerhosen schneidert. Als es schliesslich auch an neuenMännerhosen mangelte, ging er zu den alten über. Ja, das Los des Menschen ist wandelbar, und es ändert sogar das Aussehen des Menschen. Wohin waren das Selbstvertrauen, das kecke Auftreten und die Fröhlichkeit gekommen, die Chaim sonst schmückten? Wie Rauch waren sie verschwunden. Früher war er ein stattlicher Mann in den mittleren Jahren gewesen, der sich immer gut, wenn auch auf seine Weise kleidete, jetzt war er nicht nur in kurzer Zeit gealtert und weiss geworden, sondern er begann auch seinen Anzug zu vernachlässigen und schien den Gebrauch eines Kammes ganz vergessen zu haben. Früher hatte er Menschen und Welt durch eine rosige Brille angesehen A. LACHOWSKI. STUDIE

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