Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 425 - 426

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Chaim, der Schneider
Date
1904-06-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583925-2590278--04048-2590353
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

425 H. Pruschanski: Chaim, der Schneider. 426 Tochter nicht mehr zu betreten, ging er einmal hin. Und das kam so. Seine Enkelin heiratete, und er hatte die Kleine sehr lieb, denn trotzdem man sie anzog wie eine Puppe und ein „Fräulein" aus ihr machte, blieb sie doch ein einfaches, gutes, jüdisches Kind. Sie heiratete einen studierten Herrn, dem man 10 000 Rubel wie eine Kopeke auf den Tisch legte, und Hochzeit und Aussteuer mussten natürlich dementsprechend sein. Die Vorbereitungen dauerten sehr lange, und an der Aussteuer nähte man in der Werkstatt der Schneiderin fast ein halbes Jahr lang. Natürlich sprach man in ganz Lapejtschic darüber, und über die Höhe der Mitgift und die Pracht der Ausstattung entstanden ganze Legenden. Bei uns Juden fehlt es niemals an Legenden, namentlich wenn, wie in diesem Falle, Nebel und Dunkelheit den Ursprung verdecken. Am meisten sprach man sehr von einem weissen Atlaskleid und der silbergefleckten Brautschleppe dazu, Herrlichkeiten, wie man sie in Lapejtschic noch nicht gesehen hatte. All diese Gerüchte drangen natürlich auch zu Chaim, dem Schneider, doch er war ein stolzer Mensch und heuchelte vollständige Gleichgültigkeit. „Nu und was," sagte er lässig, wenn man ihn von allen Wundern erzählte, die „dort" vorgingen, „ich hab' schon schönere Hochzeiten gesehen." Und er fing an von dem Reichtum zu erzählen, den er bei grossen Hochzeiten auf den Gutshöfen der Umgegend gesehen hatte, in jenen goldenen Zeiten, als er noch der erste Damenschneider war. Sprach man ihm aber von der Herrlichkeit der Kleider, die die Schneiderin für die Braut nähte, und gai erst von dem wunderbaren Brautkleide, so wurde er ordentlich böse: „Was Ihr schon versteht? . . . Gewiss hat sie den Stoff verdorben." Im Grunde genommen regten ihn freilich diese Erzählungen auf, und er wünschte sich im Stillen, einen Blick auf die Herrlichkeiten werfen zu können, allen Einladungen seiner Tochter widersetzte er sich aber hartnäckig: „Nein, wo denn ... ich bin schon längst aus der Mode gekommen. . . . Sucht Euch einen Vater aus dem Modejournal. . . ." Aber das menschliche Herz ist kein Stein, und als man ihm schliesslich eines Tages sagen kam, seine Enkelin, die Braut, lasse ihn sehr bitten, hielt er's nicht länger aus und ging hinüber. Er ging eigentlich nicht hin; um Frieden zu schliessen, er wollte nur selber einmal alle Schätze in Augenschein nehmen und dann „ihnen" beweisen, was sie für Esel seien. Und so kam er. Er war düster, grimmig, schweigsam und blickte niemand in die Augen. Als man ihm die Ausstattung vorlegte, sah er sie fast nicht an. Er wollte sich nicht in kleinen Scharmützeln ausgeben, sondern wartete auf den entscheidenden Schlag: das Brautkleid. — Dann sollen sie mich erst erkennen, dachte er. Aber jetzt wandte sich seine Enkelin mit einem rätselvollen Lächeln von ihm ab und verschwand für einige Minuten aus dem Zimmer. Dann öffnete sich plötzlich eine Tür, und auf der Schwelle stand wieder das Mädchen, diesmal in dem weissen Brautkleid, das sie vorzüglich kleidete, mit einem hellen, triumphierenden Lächeln auf dem schönen, jungen Gesicht. Schweigend, mit offenem Munde stand Chaim, der Schneider, vor dem entzückenden Geschöpf. Das Mädchen trat in das Zimmer und begann mit langsamen Schritten, die prächtige Schleppe nach sich ziehend, vor dem Alten auf und ab zu gehen. Dann drehte sie sich bald nach der einen und bald nach der andern Seite. Chaim, der Schneider, folgte automatisch jeder Bewegung, die sie machte, doch er sagte noch immer kein Wort. Fünf Minuten ungefähr dauerte diese schweigsame Szene, dann trat er, noch immer schweigend, auf die Braut zu, untersuchte die Nähte, Felbeln, Rüschen, machte schliesslich eine unbestimmte Handbewegung und zog sich in eine Ecke des Zimmers zurück. Dort zog er sein Tuch hervor und putzte sich höchst umständlich die Nase. „Nu, Gross Väterchen, wie gefällt Euch mein Brautkleid," fragte das Mädchen. Chaim, der Schneider, putzte sich noch immer die Nase und antwortete nicht. „Nu, Grossväterchen," fragte sie wieder, als er endlich seine merkwürdige Prozedur hinter dem Taschentuch beendet hatte — „Warum sagt Ihr denn nichts zu meinem Kleide?" „Weil ich nichts zu sagen habe, Tochterleben," antwortete Chaim, der Schneider. „Ist's denn so schlecht?" fragte die Kleine, die deutlich merkte, welchen Eindruck das Kleid auf den Alten gemacht hatte. Chaim, der Schneider, bewegte ungeduldig seinen Arm und wandte sich ab. Dann trat er wieder auf seine Enkelin zu und sagte rasch, mit einem merkwürdigen schmerzlichen Lächeln auf den Lippen: „Also Du willst durchaus von mir hören, dass Dein Grossvater ein Esel ist . . . ja, ja, ich bin ein alter Esel . . . bist Du jetzt zufrieden?" Dann zog der Alte sich wieder in eine Ecke zurück und blieb höchst einsilbig. Woran dachte wohl Chaim, der Schneider? ... Oh! Das ist schwer zu sagen, aber in jede menschliche Seele schleichen sich mitunter höchst absonderliche Gedanken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.