Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Chaim, der Schneider
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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419 ( H. Pruschanski: Chaim, der Schneider. 420 Person, so konnte natürlich kein Mensch dafür stehen, dass sich nicht auch eine zweite finden würde. Uebrigens war noch nicht alles verloren, es bestand die Hoffnung, und sogar mehr als die Hoffnung, es bestand die volle Sicherheit, dass das Kleid verpfuscht würde. Chaim, der Schneider, bat Gott ganz inbrünstig darum. Es war noch nicht die Angst vor der Konkurrenz und der Verlust einer Kundin, die ihn quälte, sondern mehr das Gefühl der verletzten Würde. Er hatte nie geglaubt, dass eine von seinen Damen so etwas wagen würde. Doch leider erhört der liebe Gott nicht immer menschliche Gebete, und das Kleid der Isprawnitschicha war nicht nur nicht verdorben, sondern es war sogar nach der Ansicht der lapejtschicer Schönen sehr gut genäht. Natürlich war das ein Unsinn, was verstanden denn die Frauenzimmer davon! Aber ganz so blödsinnig erschien ihm „die Schneiderin" jetzt nicht mehr, sie war allenfalls eine Tatsache, mit der gerechnet werden musste, und er traf seine Massregeln. Er ging erstens zu all seinen Damen und bemühte sich, ihnen zu beweisen, was für Dummheiten die Schneiderin an dem Kleide der Isprawnitschicha gemacht hatte; denn er war absichtlich zu der Frau Isprawnik gegangen und hatte sich das Machwerk zeigen lassen. Er setzte ihnen auseinander, wieviel niederträchtige Verstellung hinter dieser neuen Methode stecke, doch als er sah, wie stark die Sympathie seiner Damen für die Bildchen und „Moden" war, entschloss er sich zu einem zweiten Schritt. Er bestellte sich ebenfalls ein Ladenschild, und zwar war es noch schöner und prächtiger als das der Petersburgerin. Das Beispiel verdirbt gute Sitten, sagt man oft. Und wenn man alle Dummheiten sieht, die von Menschen gemacht werden, kann man an der Wahrheit dieses Satzes nicht zweifeln. Die kühne Tat der Isprawnitschicha wirkte. Die Schönen von Lapejtschic gingen eine nach der andern zu der neuen Schneiderin über. Anfangs machten sie Ausflüchte, sie wollten mal sehen, es probieren; aber zuletzt sagten sie rund heraus und sehr einfach: Sie näht besser. Chaim, der Schneider, traute seinen Ohren nicht. Was hiess das, sie näht besser, und wie konnte man überhaupt besser nähen als er, Chaim, der Schneider. . . Er begriff das nicht, gab es nicht zu und wollte es nicht zugeben. Mit hinreisseader Beredsamkeit und unumstösslichen Beweisen zeigte er, dass die ganze Sache ein Missverständnis war, doch das half nichts. Mit jedem Tag wuchs der Name der neuen Schneiderin auf den Trümmern seines Ruhmes. Das kam alles so unerwartet, dass er wirklich nicht mehr wusste, was er tun und was er denken sollte. Er fühlte nur instinktiv, dass etwas vorgegangen war und etwas Neues in der Luft lag. Was es war, blieb ihm unklar, doch musste es eine Art allgemeiner Verrücktheit sein, denn sie machte sich auch in anderen Dingen fühlbar. Es war ganz sonderbar. Die Leute waren plötzlich nicht mehr mit dem zufrieden, was sie bis jetzt gehabt hatten; überall zeigten sich neue Forderungen, neue Ideale. Sogar neue Menschen tauchten auf. Ein jüdischer Doktor kam, der einen kurzen Rock trug und einen geschorenen Bart, und bald darauf erschien ein ebensolcher Apotheker. Gegen die Medizin und das Arzneiwesen hatte Chaim, der Schneider, natürlich nichts einzuwenden, seit Menschengedenken gab es Bader und Barbiere in Lapejtschic und Gott sei Dank, sie verstanden ihr Handwerk. Aber warum muss man dazu den langen Rock abwerfen und sich den Bart abscheren, wozu liefen die beiden herum, wie richtige „Herren", da doch die ganze Stadt wusste, dass es Juden von reinstem Wasser waren. Als er diese seine Zweifel seinem Jugendfreund Herschke, dem Schuster, aufdeckte, mit dem er in Feierstunden mitunter philosophierte, zuckte der andere nur die Schultern und machte eine Grimasse: „Auch was, wovon man reden soll. Nu, ein Doktor, nu, ein Apotheker, das sind doch keine Gelehrten. Menschen gesund machen, Arzneien mischen, das ist noch keine grosse Wissenschaft, das kann jeder Esel lernen, und es sind eben Esel und weiter nichts." „Herschke," unterbrach ihn sein Freund, „Herschke, stop! Wenn Du in der Richtung noch eine Bewegung machst, verdirbst Du die ganze Facon. Man darf nicht so schneiden! Du sagst Esel, nu, hast Du gesehen, wieviel Bücher der Doktor hat und wieviel gedruckte Zettel beim Apotheker auf den Flaschen kleben. Die Bücher und die Aufschriften muss man doch lesen können. Wie sollen Menschen, die soviel Bücher und soviel Zettel lesen, Esel sein." „Bücher, Zettel," sagte Herschke achselzuckend. Ist das die Gemorrhe? Wenn Du mir sagen kannst, dass sie die Gemorrhe gut kennen, das würde etwas bei mir bedeuten, aber Bücher, Zettel, ich geb' keine Kopeke für ihre „Bücher". ..." „Herschke," unterbrach ihn Chaim wieder streng. „Ich hab' nicht gern, wenn Du Dummheiten sprichst, die Eisenbahn hast Du gesehen?" „Hab' sie gesehen." „Spannt man Pferde vor." „Nein." „Dann erklär' mir, wie sie läuft? „Mit Dampf." „Schafskopf. Nu also gut mit Dampf, aber mach' Du so, dass Dir der Dampf die Stiefel näht. Ich weiss auch, dass sie mit Dampf läuft, aber sag1 mir, wie man das macht, dass der Dampf soviel Wagen schleppt?" „Das weiss ich nicht." „Nu, also die, welche „ihre" Bücher lesen, wissen das, also das heisst, in diesen Büchern sind nicht bloss Dummheiten." „Weisst Du, Chaim, Du hättest ein ganz ordent-