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Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 417 - 418

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Chaim, der Schneider
Date
1904-06-01
Page
Seite 417 - 418 (sequence 3)
Language
German
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417 H. Pruschanski: Chaim, der Schneider. 418 Material. Die Würde seiner Meisterschaft erhob auf ganz andere Stoffe Anspruch. In dieser Beziehung war er sogar äusserst wählerisch, und rief man ihn in ein fremdes Haus, so war seine erste Frage: „Was für Stoff". Und wenn man ihm dann antwortete, dass dieser Umstand für ihn doch ganz gleichgültig sei, warf er den Kopf verächtlich zurück und sagte: „Vielleicht ist's Ihnen auch gleichgültig, ob Salmen näht oder ich (Salmen war auch ein Schneider, und zwar begriff er den Unterschied zwischen Frau und Mann so wenig, dass eine Frau in Kleidern, die er gemacht hatte, oft wie ein Mann aussah und umgekehrt). Was geht das mich an. Vielleicht wissen Sie auch nicht, was für ein Unterschied ist zwischen Gänsernem und einer Brühsuppe?" Die Qualität des Materials war für ihn so wichtig, dass er einen Stoff, der ihn aus irgend einem Grunde ansprach, nicht mehr aus Händen Hess, selbst wenn der Preis ein niedrigerer war. Ein besonders guter Stoff war ein Ereignis für ihn. Und wenn er sich im Gespräch auf einen Zeitpunkt besinnen wollte, sagte er oft: „Erlauben Sie, das war damals, als ich für Frau Rochewicka ein Kleid aus gelber Chinaseide nähte". Ueberhaupt betrachtete er immer alles, Menschen und Ereignisse, vom Standpunkt des Damenschneiders. Wollte er seine Anerkennung ausdrücken, so sagte er: „Sehr gut genäht, sitzt wie angegossen". Sprach er Missbehagen aus, so schüttelte er den Kopf: „Ein guter Stoff, aber ein schlechter Schnitt". Sogar Gott und die Welt brachte er zu seinem Handwerk in Beziehung, und wenn er die Schönheit des Weltalls preisen wollte, so sagte er: „Einen besseren Schneider als den Herrgott kann man sich nicht denken, sehen Sie nur, wie gut alles in der Welt sitzt". Mit einem Worte, Chaim war Damenschneider vom Kopf bis zu den Fusszehen. Er, seine Kundschaft und ihre Feiertagskleider bildeten ein harmonisches Ganze, in dem auch nicht die kleinste Störung vorkam. Die Frauen von Lapejtschic und Umgegend mussten in schönen neuen Kleidern stolzieren, und Chaim war der erste Damenschneider; es war ganz natürlich, dass sie zu ihm kamen. Niemand in der Welt, und am allerwenigsten Chaim selber dachte, dass dieser Zustand der Dinge sich jemals ändern könne. II. Doch es kamen andere Zeiten. Erstmals kamen Leute in Uniformen nach Lepejtschic und streiften in Wäldern, Sümpfen und Wäldern umher, wobei sie merkwürdige Stecken in den Boden trieben. Und dann sagten sie, man würde eine Eisenbahn bauen, eine Eisenbahn, d. h. Wagen, die ohne Pferde laufen. Das war nun wahrhaftig ein Unsinn, den kein Mensch glauben wollte. Aber nach einiger Zeit kam wieder etwas Neues, diesmal waren es Bauunternehmer und Ingenieure, man grub, man baute. Ganz in der Nähe der Stadt wurde ein grosser Bahnhof gebaut, und eines schönen Tages begann die Bahn zu laufen, und es A. LACHOWSKI. STUDIE. waren wirklich keine Pferde vorgespannt. Es war sonderbar, höchst unglaubhaft sogar, doch musste man seinen Augen schliesslich trauen. Dann verging einige Zeit und in der Stadt verbreitete sich wieder eine neue höchst erstaunliche Nachricht. Die Frau des Oberkondukteurs, der in Lapejtschic wohnte, hatte über ihrer Tür ein Schild anbringen lassen, auf dem zwei höchst elegante Damen abkonterfeit waren, und darunter stand in dicken Lettern „Moden und Kleider". Eine Petersburger Schneiderin, darüber war nun wirklich alle Welt sprachlos. Ueberhaupt ein Schild, wozu braucht man in Lepejtschic ein Schild? Chaim, der Schneider, nähte und schneiderte, seit er lebte und hatte noch nie ein Schild gehabt. Und dann wollte diese Petersburger Schneiderin Damenkleider nähen 1 Mit solchen Märchen sollte man die Hühner zu Bett schicken. Ein Frauenzimmer wollte schneidern, bügeln, zurechtschneiden, mit einem Worte, Dinge tun, die nicht einmal einem Mann immer gelangen. Chaim, der Schneider, wollte die Närrin in Lapejtschic und Umgegend sehen, die einen guten Stoff so riskierte. Doch es vergingen zwei Wochen und Chaim, der Schneider, musste hören, dass die Frau Isprawnitschicha selber sich bei der neuen Schneiderin ein gutes Wollkleid machen Hess. Und trotzdem die Isprawnitschicha nicht eigentlich eine gute Kundin war, denn sie bestellte fortwährend und liess ihn dann mit dem Geld bis zum nächstenmal warten, machte die Nachricht einen starken Eindruck auf ihn. Fand sich einmal eine verrückte Person, und noch dazu solch eine

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