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Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 415 - 416

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Chaim, der Schneider
Date
1904-06-01
Page
Seite 415 - 416 (sequence 2)
Language
German
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H. Pruschanski: Chaim, der Schneider. 416 glauben, dass man ein ganz prächtiger Schneider sein kann, ohne je eine Modenzeitung gesehen, zu haben und ohne den Gebrauch des Zentimetermasses auch nur zu ahnen. Und doch ist es eine Tatsache, und Chaim, der Schneider, bekräftigt sie auf das beste. Sein ganzes Leben lang schnitt und nähte er die schönsten und besten Kleider, die modernsten Umhänge, und wer ihm gesagt hätte, dass man dazu unbedingt Modejournale, Schnittmuster und ein Zentimetermass brauche, dem hätte Chaim einfach ics Gesicht gelacht. Und dass Chaim wirklich ein „Wunder seiner Zeit" war, wie man sagt, geht schon allein daraus hervor, dass er nicht nur für die jüdischen Schönen der Stadt Lapejtschic und Umgebung nähte, sondern für die Frau Isprawnitschicha selber arbeitete, die, wie jedermann weiss, die erste Modedame im ganzen Kreis war und es nicht leiden konnte, wenn eine andere Dame sich schöner dünkte oder auch nur besser gekleidet war. Sie konnte so etwas durchaus nicht vertragen, und im Lapejtschicker Kreis kam es aus diesem Grunde oft zu sonderbaren Streitigkeiten, die selten ein glückliches Ende nahmen. Chaims ungewöhnliches Talent trat schon in seiner Jugend hervor, gerade zu der Zeit, als sein Vater Bär (auch ein Damenschneider) eines seligen Todes starb, und er, der Dreiundzwanzigjährige, die Erbschaft antrat. Sie bestand aus einer Kuh, einem Bügeleisen, einer Schere, einigen Fingerhüten und einem Päckchen Nadeln. Damals erklärte Chaim, von nun ab werde er der erste Damenschneider sein. Angesichts seiner Jugend trugen die Damen grosse Bedenken. Ein Damenschneider muss eben so wie ein Frauenarzt eine gewisse Lebenserfahrung, einen bestimmten Takt besitzen. Er muss begreifen können, was man nicht sagen darf, er muss auch unterscheiden können zwischen Dingen, die man ausspricht, und solchen, die ein Geheimnis bleiben müssen; wie soll sich nun ein lustiger, gesprächiger, junger Mann in all diesen heiklen Dingen zurechtfinden! Aber als Chaim zum erstenmal seine Dienste der Frau Schuschicka anbot, die wegen ihrer antiken Gestalt berühmt und nicht wenig stolz auf sie war, und sie ihn fragte, ob er eine so schwierige Aufgabe auch würde lösen können, da antwortete er, dass es wohl eine Kunst sein müsse, für eine solche Figur schlecht zu arbeiten, nur ein vollendeter Esel könne ein Kleid für so eine Gestalt verpfuschen, da flog ein Lächeln über Frau Schuschickas schöne Lippen, und sie sprach: „Gut, wenn Du den Stoff verdirbst, musst Du ihn bezahlen." „Mit Vergnügen, sogar das Dreifache." Lag ihm denn was daran? Er erbot sich ja eben Mass zu nehmen, und alles übrige würde man schon sehen. Er begann. Einer Dame Mass nehmen ist gar nicht so leicht als man denkt. Nicht nur Kennerschaft gehört dazu, sondern auch noch Diplomatie. . . „Sie haben eine herrliche Figur, Gnädigste, Sie sollten stolz aui sie sein, aber hier müssen wir doch etwas Watte unterschieben . . . Vielleicht eine kleine Falte, das ist jetzt sehr in der Mode. . ." Chaim entfaltete gleich das erstemal ein bewunderungswürdiges diplomatisches Talent. Er verstand es nicht nur die schiefe Hüfte von Frau Schuschicka genau zu messen, so dass er sofort wusste, wie viel Watte er einlegen musste, er Hess sie sogar bei der vollen Ueberzeugung, dass er nichts gemerkt hatte und, von ihrer antiken Gestalt begeistert war. Und als das Kleid fertig war, geriet sie in Entzücken. Frau Schuschicka spielte aber in Lapejitschic fast eine ebenso grosse Rolle in Modesachen wie die Frau Isprawnitschicha. So war Chaims Position von Anfang an befestigt, und man überhäufte ihn mit Aufträgen. Er lebte damals nicht nur nicht schlecht, sondern sogar sehr gut und begann auch noch, zu Geld zu kommen. Die reichen Gutsbesitzer und Gutsbesitzerinnen waren zwar damals schon ziemlich selten, doch es gab noch immer Leute unter ihnen, die zahlen konnten. Und auch unter den Juden fanden sich Negidim, die Frauen und Töchter gut kleiden konnten. Für arme Leute arbeiten, fand er unter seiner Würde, auch waren seine Preise nicht für jedermanns Tasche. Er Hess sich schrecklich viel zahlen, man kannte einen Fall, wo er ganze fünf Rubel für ein Kleid bekommen hatte. So kam es auch, dass er fast nie Kattun in die Hand nahm. Kattun war für eine so gewichtige Persönlichkeit wie Chaim, der Schneider, ein viel zu billiges A. LACHOWSKI. STUDIE.

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