Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Chajjim Selig Slonimski
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 411 - 412 (sequence 4)
- Language
- German
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Dr. S. Bernfeld: Chajjim Selig Slonimski. 412 MoDd- und Sonnenjahren, die einen Zyklus bilden. Diese Zeitbestimmung haben die Juden, wie insbesondere in der letzten Zeit evident bewiesen wurde, von den ägyptischen Astronomen übernommen. Um die Zeit, als die Kalenderberechnung bei uns eingeführt wurde, bedeutete sie eine erhebliche Verbesserung gegen den alten julianischen Kalender; gegen den gregorianischen Kalender hingegen ist sie im Rückstände. Es ist hier nicht der Ort, auf diesen interessanten Punkt des näheren einzugehen. In alter Zeit geschah die Kalenderbestimmung bei den Juden in höchst primitiver Weise. Der Neumond wurde bei Sichtbarwerden des Mondes proklamiert, und der Ausgleich zwischen Mond- und Sonnenjahr wurde vorgenommen, wenn sich eine sichtbare Vorschiebung des Frühlingsmonats, in dem das wichtige Passahfest gefeiert wird, gezeigt hatte. Die Einschaltung eines Schaltmonates (des Adar II) geschah nach Gutdünken ohne feste Regel. Auf die Dauer konnte jedoch diese ambulante Kalenderbestimmung nicht beibehalten werden; sie musste einer festen Kalenderberechnung Platz machen, was nicht ohne schwere Kämpfe in der Judenheit vor sich ging. Gerade dieser Punkt ist in der letzten Zeit klargestellt worden. Slonimski war nun der erste, der die Mängel des jetzt geltenden jüdischen Kalenderjahres nachwies, und gleichzeitig, als ihm vorgehalten wurde, dass es nicht anginge, an einer altjüdischen Institution zu rütteln, den Beweis zu führen begann, dass die Festlegung des jüdischen Kalenders keineswegs so alt sei, wie allgemein angenommen werde. Seine These verteidigte er zuerst in grundlegenden Aufsätzen, die in dem damals tonangebenden Jahrbuch „Kerem Chemed" erschienen, und dann in einer besonderen hebräischen Schrift, die der Verfasser vor etwa 15 Jahren in dritter Auflage erscheinen liess. Das grosse Publikum wird die Wichtigkeit dieser Forschung kaum begreilen; aber im Judentum spielt das eine grosse Rolle, diese Frage steht zu vielen geschichtlichen Untersuchungen in engster Beziehung. Es ist jetzt kein Zweifel, dass nicht nur seitens der Karäer der Einführung des Kalenders Widerstand entgegengesetzt worden ist: auch innerhalb der rabbanitischen Judenheit führte sie zu Kämpfen und Parteiungen, Ausserdem kommen dabei noch viele andere geschichtliche Fragen in Betracht. Die These Slonimskis konnte daher nicht verfehlen, Aufsehen zu erregen und zum Teil auch Widerspruch hervorzurufen. Abgeschlossen ist diese Forschung noch immer nicht ganz, obwohl neue handschriftliche Auffindungen, die auf diesem Gebiete gemacht worden sind, die Ansicht Slonimskis immer mehr befestigten. Unterdessen fuhr Slonimski in seinen Arbeiten fort. Im Jahre 1861 gründete er die hebräische Zeischrift „Hazephirah", damals als Wochenblatt. Auch da stellte er es sich zur Aufgabe, unter den osteuropäischen Juden Wissen zu verbreiten, in erster Reihe die Kenntnisse der Natur, Astronomie und Physik. Er war der Aion Bernstein der hebräischen Sprache. Bald darauf wurde er zum Inspektor der Kronrabbinerschule in Shitomir ernannt, und er stellte vorläufig seine Zeitung ein. Als jedoch die Schule im Jahre 1872 geschlossen wurde, kehrte Slonimski zu seiner publizistischen Tätigkeit zurück. Die „Hazephirah" begann wieder zu erscheinen, in der ersten Zeit ebenfalls dem alten Programm treu. Erst im Jahre 1886 wurde sie in eine täglich erscheinende Zeitung umgewandelt, wobei sie sich natürlich auch eine innere Umgestaltung gefallen lassen musste. Slonimski behielt seine Geistesfrische und seine Rüstigkeit bis zu seinen letzten Lebenstagen. Schriftstellerisch trat er freilich seit etwa 15 Jahren nicht mehr auf. Seine letzte Arbeit war die Veranstaltung einer dritten Auflage seines Buches über das jüdische Kalendervvesen und eine wissenschaftliche Abhandlung in der „Hazephirah", die ihrerzeit Aufsehen erregte und dem greisen Forscher vielfache Anfeindung eintrug. Slonimski veröffentlichte nämlich eine geschichtliche Untersuchung über das Chanukkah-Fest, in der er nachwies, dass die Sage von dem Oelkrüglein, die bekanntlich auch in den Makkabäerbüchern vorkommt, doch wohl nicht die Grundlage dieses nationalen Festes sei. Sie wird im Talmud nur nebenher erwähnt. Diese Ausführungen missfielen in den chassidischen Kreisen; man beschuldigte Slonimski der Ketzerei und feindete ihn heftig an. Im hohen Alter musste er eine Fehde führen, um seine Rechtgläubigkeit zu verteidigen. * * * Die Bedeutung Slonimskis in der Wissenschaft des Judentums beruht auf seinen exakten, streng wissenschaftlichen und voraussetzungslosen Forschungen. Er war kein Mann der geistreichen und glänzenden Hypothesen; bei ihm galt nur klares und begründetes Wissen. Er befasste sich nur