Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Chajjim Selig Slonimski
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 413 - 414 (sequence 5)
- Language
- German
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413. Dr. S. Bernfeld: Chajjim Selig Slonimski. 414 mit solchen Fragen, die er souverän beherrschte, da aber machte er vor nichts Halt. Es war keine Kleinigkeit, die Richtigkeit der jüdischen Kalenderberechnung anzuzweifeln und da Irrtümer nachzuweisen. Hängt doch davon die Festsetzung der heiligen Feste ab! Er sprach es unumwunden aus, dass in manchen Jahren weder das hohe Versöhnungsfest, noch Passah rechtzeitig gefeiert wird. Seiner Meinung nach hätte man zu einer zeitgemässen Reform des jüdischen Kalenderwesens schreiten müssen. Nichtsdestoweniger gehörte Slonimski keineswegs zu den Wortführern der Reform; er hielt sich im Gegenteil völlig fern von all diesen Fragen. Was nicht wissenschaftlich war, Hess er unberührt. Er war kein Publizist im modernen Stil, den Tagesfragen konnte er kaum Interesse abgewinnen. Wissenschaftliche Belehrung und nicht Aufklärung war sein Ziel. Er ging wohl vom Standpunkt aus, dass darin die wahre Aufklärung liege. Ausserdem war Slonimski keine Kampfnatur und ging möglichst jedem Kampf aus dem Wege. Slonimski hatte nicht an sich die Unarten eines Autodidakten: die Sucht, überall mitzureden, alles besser zu wissen, den Wert seiner Errungenschaften zu überschätzen, sich selbst für das Mass aller Dinge zu halten. Ohne je eine Schule besucht zu haben, war er eine geschulte und wohldisziplinierte Natur. Im persönlichen Verkehr zeigte er den altjüdischen Humor und Witz. Seine Sarkasmen und sein unverwüstlicher Humor verliessen ihn nicht bis zu seinem Tode. Er soll den Arzt, der ihn kurz vor seinem Tode besucht hat, mit seinem beissenden Witz bedient haben. Obwohl aufs äusserste erschöpft, behielt er sein klares Bewusstsein bis fast zu seinen letzten Stunden. In ihm lebte ein Stück vom jüdischen Weltweisen, und als solcher ist er auch gestorben. Neben M. Steinschneider der trotz seiner 88 Jahre noch immer geistig mi m^^-wm'"- m^r, .-.^v -m ■■ M^m :^ •" V^fc^ 'i ••. '■' i^'T^f ■ ■ ..^\Ä-*ff A" jjjgj|- r??g igS^' :'i: -# '1mm - •.-'•i^^^^' A. LACHOWSKI. STUDIE. rüstig und unaufhörlich schaffend blieb, war er der letzte einer grossen Zeit, ein Mann, der beinahe ein Jahrhundert gelebt und über 60 Jahre wissenschaftlich geschaffen hat. Er hat eine geschichtliche Epoche zu Ende gehen sehen und eine neue entstehen und sich entwickeln. Sein Interesse für alle Vorgänge der Zeit blieb bis zu seinem Tode ungeschwächt. Er hat auch die neue Zeit verstanden, wenigstens hat er niemals den Versuch gemacht, das Neue zu bekämpfen, niemals hat er Unzufriedenheit mit den neuen Erscheinungen geäussert. Er starb alt, aber nicht gealtert. In die Geschichte der Wissenschaft des Judentums hat er seinen Namen für ewige Zeiten eingetragen. CHAIM, DER Von H. Pruschanski, aus dem L Es war unleugbar, dass Chaini, der Schneider, das russische ABC nicht kannte und keine Modejournale mit bunten Bildchen hielt. Er besass nicht einmal fertige Schnittmuster, nach denen er mit dem Zentimetermass in der Hand hätte arbeiten können, aber wer daraus jetzt den Schluss ziehen wollte, dass es irgendwann und irgendwo einen besseren Damenschneider gegeben hat, als eben unseren Chaim, der würde sich gröblichst irren. Auf Ehr' und Gewissen, SCHNEIDER Russischen von Anna Schapire. in ganz Lapejtschic, ja in der ganzen Welt gab es keinen grösseren Kleiderkünstler. Heutzutage freilich, wo alle Welt verrückt geworden ist vor lauter „Wissenschaften" und „Diplomen" und „Aushängeschildern", und jeder Schuster seine Stiefel nicht mehr auf der Sohle, sondern auf wissenschaftlichen Grundlagen aufsetzen will, heute, wo ein Dienstmädchen, das ein Kattunkleid nähen lässt, sicherlich zu einer diplomierten Schneiderin läuft und in hundert Modejournalen sucht, heute wird's vielleicht niemand mehr