Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Chajjim Selig Slonimski
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 409 - 410 (sequence 3)
- Language
- German
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409 fache und die höhere Algebra behandelte; vier Jahre später erschien sein Lehrbuch der Astronomie, und bald darauf eine wissenschaftliche Abhandlung über denLaufder'Kometen. Mit diesen Schriften lenkte Slonimski auf sich die Aufmerksamkeit der Fachgelehrten. Im Alter von dreissig Jahren galt Slonimski bereits als eine bedeutende Kraft auf dem Gebiet der Mathematik, der Physik, der Chronologie und der Astronomie. In Warschau, wo mehr wissenschaftliche Hilfsmittel vorhanden waren, fand er eine überaus freundliche und ehrenvolle Aufnahme. Auch die Kaiserliche Akademie zu St. Petersburg beschäftigte sich mit seinen Leistungen und zollte ihnen Anerkennung. Um jene Zeit erfand er eine Rechenmaschine, die Aufsehen erregte. Freunde rieten ihm, nach Berlin zu gehen, um da seine physikalischen Erfindungen, mit denen er sich beschäftigte, besser verwerten zu können. Ueber Königsberg reiste er nach der Hauptstadt Preussens. Er machte da die Bekanntschaft des berühmten Mathematikers und Chronologen Ideler, der ihn wiederum seinerseits bei Alexander v. Humboldt einführte. Dieser universelle Geist fand Gefallen an dem jüdischen Autodidakten, dessen Tüchtigkeit er sofort erkannte. Humboldt, der bekanntlich bei Friedrich Wilhelm IV. viel galt, wusste den Monarchen für den jüdischen Gelehrten zu interessieren. König Friedrich Wilhelm IV. befahl Slonimski zu einer Privataudienz. Diese Audienz, an sich nicht uninteressant, ist durch eine hübsche Episode wert, der Nachwelt geschildert zu werden. Humboldt teilte seinem jüdischen Schützling mit, dass der König ihn sprechen wollte, und gab ihm gleichzeitig den Zeitpunkt an, wann die Audienz stattzufinden hatte. Etwas früher sollte Slonimski zu Humboldt kommen, der ihn beim König einführen wollte. Slonimski trug damals die polnisch-jüdische Kleidung, die aufzugeben er deshalb keine Veranlassung hatte, weil er ja nur für kurze Zeit in Deutschland weilte. Vor dem preussischen Herrscher mochte er aber nicht so erscheinen, und nun Hess er sich an jenem Tage ganz modern in Frack und weisser Binde ausstaffieren. Als er so angekleidet bei Humboldt •erschien, war dieser recht unangenehm enttäuscht. „Was fällt Ihnen ein," äusserte er zu Slonimski, „sich zu maskieren? Der König ist gerade auf den Forscher im Kaftan neugierig." Slonimski musste somit umkehren und sich im alten Adam beim König einführen lassen. Friedrich Wilhelm be- 410 willigte ihm übrigens eine namhafte Subvention für seine weiteren wissenschaftlichen Arbeiten. Eine Erfindung, die er gemeinschaftlich mit Aron Bernstein auf dem Gebiete der Telegraphie gemacht hatte, wurde ihm von der preussischen Post- und Telegraphenverwaltung abgekauft. Sie galt damals als eine erhebliche Verbesserung auf diesem Gebiet. Für die Wissenschaft des Judentums im eigentlichen Sinne begann seine Tätigkeit mit der eingehenden Erforschung des jüdischen Kalenderwesens. Dieses ist bei weitem nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheinen will, weder in kalendarischer, noch in geschichtlicher Hinsicht. Das jüdische Jahr ist bekanntlich eine Kombination des Sonnen- und des Mondjahres. Der Monat hat im jüdischen Kalender die Bedeutung, die ihm schon seiner Bezeichnung nach zukommt; er muss mit dem Zeitmass übereinstimmen, das der Mond für seine Umkreisung der Erde braucht. Aber andererseits ist es doch auch ein Sonnenjahr, und in gewissen Zeitabschnitten geschieht wieder die Ausgleichung zwischen Mond- und Sonnenjahr. Es ist dies die sogenannte Goldene Zahl von neunzehn A. LACFTOWSKI. STUDIK. Dr. S. Bernfeld: Chajjim Selig Slonimski.