Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Chajjim Selig Slonimski
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. S. Bemfeld: Chajjim Selig Slonimski. 408 CIL S. SLOXIMSKI. schwebte ihnen und der Schar schaffensfreudiger Männer, die sich ihnen bald zugesellten, das grosse Ziel vor Augen, durch die Erforschung der jüdischen Vergangenheit die jüdische Zukunft hoffnungsvoller zu gestalten. Grätz hat recht, wenn ■er diese wissenschaftlichen Arbeiten als eine nationale Tat bezeichnet. Sie waren es gewiss, wenn auch in manchen Einzelheiten ihre Bestrebungen auseinandergingen. Den Glauben an die Wiederbelebungsfähigkeit des jüdischen Volkes hegten sie alle, und trotz aller Wissenschaftlichkeit, von der sie sich beherrschen Hessen, waren sie stets von der Ueberzeugung durchdrungen, dass sie nicht die Altertümer eines verschollenen Volkes, sondern die eines lebenden, sich verjüngenden erforschen. Luzzatto hat einst gegen Jost und Zunz den Vorwurf erhoben, die jüdische Geschichte sei ihnen dasselbe, was anderen die altägyptische oder die altbabylonische sei; aber es war dies ein ungerechter Vorwurf, der sich in keinem Falle begründen Hess. In diesem Kreise hervorragender Männer, die alle Tüchtiges konnten, weil sie Tüchtiges Avussten, kam um die vierziger Jahre Ch. S. Slonimski. Merkwürdig war der Lebensgang aller jener Forscher, und es wäre eine verdienstvolle Arbeit, ihn ausführlich zu schildern. Aber recht eigentümlich gestaltete sich das Leben und das Schicksal Slonimskis, der in allem ein Autodidakt im strengsten Sinne des Wortes war; er, in dessen Leistungen man so wenig den Mangel an Schulung erkannt. Am 29. März 1810 in Bialystok geboren, lernte Slonimski, wie alle jüdischen Knaben und Jünglinge damals in Russland und in Polen zu tun pflegten, ausschliesslich nur den Talmud. Er lernte natürlich auch das biblische Schrifttum, aber ohne Methode, und eigentlich nur so „nebenbei", wie es in jener Zeit bei den meisten Juden üblich war. Aber jedenfalls lernte sie, die lernfähige Jugend, und der Sprung vom talmudischen Lehrhaus in das der profanen Wissenschaften wrar zwar ein sehr weiter, aber so mancher Talmudjünger wurde in der Folge ein Mehrer im Reiche der Wissenschaft. Nach der damaligen Sitte, oder sagen wir Unsitte, bei unseren östlichen Stammesgenossen heiratete Slonimski im frühen Alter. Er kam in das Haus seiner Schwiegereltern nach Zabludowo, wo er, ein junger Ehemann, Müsse fand, seine Studien fortzusetzen. Es war dies Ende der zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Von den Anfängen der Wissenschaft des Judentums in Deutschland und in Galizien wird man wohl im russischen Städtchen Zabludowo damals kaum etwas gewusst haben. Indes gärte es doch bereits in der ganzen Judenheit. Der Drang nach Wissen war in vielen Kreisen sehr stark, und auch in den talmudischen Lehrhäusern spürte man dessen Macht. Slonimski strebte nach profanem Wissen, nach Büchern nichttalmudischen Inhalts, und ein Zufall wollte es, dass die ersten deutschen Bücher, die ihm in die Hände fielen, mathematische und physikalische Themata behandelten. Gleich mit dem Buchstabieren lernte Slonimski soviel Mathematik und Physik, ähnlich wie Salomon Maimon gleichzeitig zu buchstabieren und die Wolf-Leibnizsche Philosophie zu erfassen anfing. Ausser der Mathematik und der Physik beschäftigte den jungen Wissbegierigen auch die Astronomie. Man sieht also, dass er sich im allgemeinen zu den exakten Wissenschaften hingezogen fühlte. Zeitlebens blieb ihm dieser Trieb, alles klar, exakt, gründlich, durch logische und mathematische Gründe erweislich zu behandeln. Aber ein trockener Zahlen- und Formelnmensch ist Slonimski dennoch nicht geworden. In ihm steckte ein Stück von jenem Zeitalter der Aufklärung, deren Bestreben dahin ging, die Juden, die grossen Massen der Judenheit, der Kulturwelt näher zu bringen. In jedem Forscher lebte somit auch der Wunsch, aufklärend und belehrend zu wirken, das, was ihm nach vielen Hindernissen und schweren Mühen eigen geworden, dem ganzen Volk zugänglich zu machen. Mit vierundzwanzig Jahren, selbst noch ein Lernender, fing Slonimski zu lehren an; er begann an der Ausarbeitung eines grossen Lehrgebäudes in hebräischer Sprache, das sämtliche exakten Wissenschaften umfassen sollte. Es erschien indes im Jahre 1834, also vor genau siebzig Jahren, vorerst der eine Teil, der die ein-