Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Zum westjüdischen Kulturproblem
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 383 - 384 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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3S3 Mathias Acher: Zum westjüdischen Kulturproblem. 38+ Dass ich eigene „Erwerbs- und Verkehrsgewohnheiten, -Fähigkeiten und Methoden" als „kulturelle Altunterschiede" „nicht gelten lasse", und zwar „bloss weil solche auf besonderen geschichtlichen Voraussetzungen beruhen"; ist einfach nicht wahr.. Herr Dr. Jeremias hat offenbar die bezügliche Stelle selbst und in ihrem Zusammenhange mit den benachbarten Stellen nicht verstanden. Ich kann daher nichts anderes tun, als ihn auf nochmaliges sorgfältiges Lesen verweisen, und es soll mich freuen, wenn er mir dann nur mehr die bekannten „geschraubten Wendungen" vorzuwerfen haben wird. Ich fand die Ursache der Polemik meines Gegners in seiner Empörung über das, was er „verklausuliert" nennt, der unmittelbare Anlass aber ist, glaube ich, in der Verletzung seiner zionistischen Gefühle zu suchen. Das geht aus der zweiten Hälfte seines Artikels hervor. Vor allem tritt er meiner Behauptung entgegen, dass die westlichen Nationaljuden allen Ernstes glauben, durch Verbreitung bestimmter politischer Ansichten oder gar Parteigrundsätze den jüdischen "Westen dem Judentum zurückzuerobern. „Mag sein, dass der eine oder andere .... Aber im Ernst glaubt kein denkender Zionist." Also unter den Zionisten sollte nur der eine oder der andere kein denkender sein? Wäre das eine glückliche Partei, bei der sich das alte erfahrungsgemässe Ziffernverhältnis zwischen Denkenden und Nichtdenkenden so merkwürdig umkehrt! Leider ist sie in Wirklichkeit gar nicht so glücklich. Leider ist das zionistische Publikum im Westen nxht mehr denkend als irgend ein anderes Pdrteipublikum. Und so dürfte doch Ausnahme sein, was Herr Dr. Jeremias als Regel hingestellt sehen möchte. Aber selbst diese Ausnahme! Wie ich sehr gut weiss, gibt es auch unter den denkenden Zionisten viele, recht viele, die gerade daran — dass die Rückkehr zum Judentum nicht auf politisch-programmatischem Wege erfolgen kann — nicht denken oder nicht denken wollen. So gleich Herr Dr. Jeremias selbst, da er sonst gewiss nicht von dem apolitischen Nationalismus und der ganzen jüdischen Renaissance, die ihm zu danken ist," spräche. Wie interessant übrigens! Der politische Nationalismus hat schon eine ganze „jüdische Renaissance" gezeitigt Und doch müssen erst von dieser fertigen Renaissance deutsche Kultur mit jüdischem Anstrich aufweist," — können leicht den Irrtum hervorrufen, als glaubte ich an eine starke Ergriffenheit der deutschen Juden von deutscher Kultur. Aber die immerhin unvorsichtig gewählten Ausdrücke sollten nicht feststellen, dass den deutschen Juden deutsche Kultur als absolutes Mass zukommt, sondern nur dass verhältnismässig noch immer mehr deutsche als jüdische Kultur in ihnen ist. Es wird also nichts an meiner Ueberzeugung verschoben, dass die deutschen Juden — von" Einzelausnahmen abgesehen *-*- weder deutsche noch jüdische Kultur in charakterisierendem Ausmasse besitzen, vielmehr eine in kultureller Hinsicht inaktive jüdische Gemeinschaft auf hoher Stufe allgemeiner Zivilisation darstellen. „bei der heranwachsenden Generation" „schnelle und reiche Erfolge" miterwirkt werden. Und doch hat „der Kreis derer, auf die wir in deutschen Landen wirken können, seine Grenze". Und doch kommen von den Gegenwärtigen nur diejenigen in Betracht, die „einmal echt jüdisches Leben um sich gesehen, das Judentum einmal innerlich erlebt oder gar durchlebt haben", — d. h. aus der Sprache westjüdischer Kultur- Naivetät in die Sprache der Wirklichkeit übersetzt: diejenigen, die jüdische Romantik, Tradition, Geschichte, jedenfalls alles andere eher als „jüdische Renaissance" repräsentieren. Dahin kommt man, wenn man den Begriff der jüdischen Renaissance mit dem des politischen Zionismus heillos verquickt. Mein Gegner kann es mir nicht verzeihen, dass ich „für das bewunderungswürdige Wirken des Zionismus nichts übrig" habe, dass man in meinem Artikel vergeblich auch nur nach dem Worte „Zionismus" sucht. Er erzählt von mir, dass ich „die grösste jüdische Organisation längst totkritisiert zu haben wähne." Und meint, es sei „ein wahres Mitleid, anzusehen, wie ich mich hoffnungslos mühe, am Zionismus vorbeizureden und ausserhalb desselben neue Wege aus den kulturellen Nöten des westlichen Judentums zu finden". Der Ton, der gerade in diesen und einigen anderen Sätzen Herrn Dr. Jeremias beliebt, nimmt mich nicht weiter Wunder. Parteileidenschaft, auch die ehrlichste, war noch immer ein Anreiz, ehrliche Gegner mit Missachtung und ungerecht zu behandeln. Warum sollte gerade er diesem Anreiz nicht erliegen? Und ich kann ihm sogar die Anerkennung nicht versagen, dass er es sicherlich noch weit schlimmer hätte treiben können. Ich will es ihm gerne zugute halten, dass er offenbar noch ein Anfänger in der Methode, wenn auch einer, der viel Talent verrät, ist. In der Sache selbst möchte ich mich zunächst gegen die Bemerkung wenden, dass ich die zionistische Organisation längst totkritisiert zu haben wähne. Wenn das nicht einfach ein schlechter Witz ist, zu dem die Versuchung nahe lag, wie konnte mich mein Gegner nur so missverstehen? Habe ich es wirklich nicht vermocht, ihm mit meinen Aufsätzen eine Ahnung des Sinnes meiner Opposition gegen die zionistische Organisation beizubringen? Wird er mich jetzt verstehen? wenn ich ihm sage: „Nichts liegt mir ferner, als die Einbildung, die er mir zumutet. Ich glaube nicht nur nicht, dass ich die zionistische Organisation längst totkritisiert habe, sondern ich bin im Gegenteil überzeugt, dass sie durch niemandes Kritik umgebracht werden kann, — so lange sie nicht ganz reif dafür ist. Und weil ich dies glaube, rede ich je öfter, je lieber „am Zionismus vorbei". Je öfter, je lieber — sage ich. Denn es ist ja auch gar nicht wahr, dass ich die Kritik des Zionismus aufgegeben habe. Ich