Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Zum westjüdischen Kulturproblem
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 385 - 386 (sequence 4)
- Language
- German
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385 Mathias Acher: Zum westjüdischen Kulturproblem. habe bis in die jüngste Zeit Aufsätze geschrieben und werde gewiss noch weiter welche schreiben, die den Wünschen des Herrn Dr. Jeremias wenigstens insofern entsprachen und entsprechen werden, als er in ihnen nicht nach dem Worte „Zionismusu suchen musste und wird suchen müssen. Ich schrieb sie und werde sie schreiben, — weil ich bekanntermassen auch etwas wie Temperament besitze und mich doch auch am Ende wie jeder andere ehrliche Schriftsteller als ein Stück Volksgewissen betrachten darf. Aber wie gesagt, je öfter, je lieber schreibe ich die anderen Aufsätze, in welchen ich „am Zionismus vorbeireden" darf. Denn erstens glaube ich, dass man bei diesem „Vorbeireden" eine Menge interessanter Gesichtspunkte gewinnt, die im Trottgang des Dabeiredens verloren gehen. Und zweitens lebt eine stille Hoffnung in mir, dass aus solchen Vorbeireden irgendwann und durch irgend Jemanden ein Vorbeihandeln werden wird. Dabei denke ich allerdings nicht an Hof- und Staatsaktionen, an nationale Galataten, an organisierte Program mbegeisterung, sondern an eine Reihe bescheidener Wirksamkeiten, die alle zusammen vielleicht doch ein festes, in aller Stille gebautes Kulturgefüge ergeben könnten. Wenn Herr Dr. Jeremias eine solche bescheidene Wirksamkeit, für die ich beiläufig in dem mehr der Theorie gewidmeten Artikel eine praktische Form anregte, zu meiner „epochemachenden Tat" umspottet, so ist das ja ziemlich illoyal von ihm. Unvorsichtig aber ist es, wenn er auf sie das alte Sprichwort anwendet: „Die Berge haben gekreisst und ein lächerliches Mäuschen ward in die Welt gesetzt". Denn das „Bergekreissen" lassen besorgt niemand so gut als der Zionismus, und — bisher sieht es gar nicht darnach aus, als ob gerade diesmal ein Berg auf die Welt kommen wird. Ich spreche dabei, wie ich ausdrücklich hervorheben will, nicht etwa von der zionistischen Innerlichkeit der Ostjuden, die von der zionistischen Parteimarke, mit der sie sich in den letzten Zeitläuften bedeckten, ganz unabhängig ist. Ich will auch nicht diejenigen Westler und Oestier treffen, die alle ihre jüdischen Kulturneigungen und Strebungen mit keinem besseren Worte als mit „Zionismus" wiedergeben zu können glauben. Vor diesem Zionismus beuge ich mich — trotz mancher Differenzen. Ich meine vielmehr jenen offiziellen, weltbekannten, mächtigen Zionismus, den Zionismus mit dem „stolzen Namen". Ihn kann ich weder „bewunderungswürdig" finden, MAX FABIAN. TRÄNEN (190?»). (Farbige Lithographie.) noch als „erfolgreiche Tatsache" betrachten. Er hat sich für die Palästinasache überflüssig, ja schädlich erwiesen. Er droht den jüdischen Nationalgedanken zu versimpeln und an die hoffnungslosesten Weltanschauungen zu ketten. Er hat den jüdischen Wesensgehalt der deutschen Juden nicht um einen einzigen Grad erhöht. Wer sich nicht ein grösseres Stück Judentum in den Zionismus mitbrachte, hat es in ihm nicht gefunden. Seine ganze Organisations- „Jüdischkeit" ist leer und unfruchtbar. Und darum kann ich nur abermals mit den Schlussworten meines ersten Artikels, die Herrn Dr. Jeremias so nebelhaft vorkommen, schliessen. Wobei ich sie aber genau — nicht wie mein Gegner mit Auslassung gar nicht belangloser Worte und sehr bedeutungsvoller Anführungszeichen — zitieren will: „Was der jüdische Nationalgedanke vorläufig im Westen braucht, sind nicht „Nationaljuden", welche die jüdische Kulturnuance nicht um einen Farbenton kräftiger machen, sondern Juden schlechthin — und seien es auch „Assimilanten" — deren jüdischer Wesensteil die Tendenz hat, sich zu vergrössern und zu vertiefen."