Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Zum westjüdischen Kulturproblem
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 381 - 382 (sequence 2)
- Language
- German
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- article
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381 Mathias Acher: Zum westjüdischen Kulturproblem. 382 Masse unschuldiger, von Vater und Grossvater her mit schütterem Judentum erblich belasteter Individuen gegenübersteht. Will man aber davon absehen, die nationale Moral auf die Einzelnen zu stellen und eine eigene, über den Individuen schwebende Moral der ganzen Nation annehmen, so ist der Protest meines Gegners noch immer mehr effektvoll als begründet. Vor allem darf nicht vergessen werden, dass es sich heute um eine doppelte „Kriegsnot" handelt — eine durch den äusseren Feind verursachte Not des nackten Daseins, unter der mehr die Ostjuden, und einer inneren Not des nationalen Genius, unter der mehr die Westjuden leiden. Entschliesst man sich nun schon, in Hinsicht auf die Ostjuden die erstere Not als „schwerste Kriegsnot" zu bezeichnen, für die zweite passt diese Bezeichnung doch sicherlich nicht. Die innere nationalkulturelle Not der Westjuden und die Not der Juden und Buren in ihren politischen Verzweiflungskriegen mit Rom und England sind ganz inkommensurable Grössen. Der Verrat hier und der „Verrat" dort dürfen nicht in eine Linie gestellt werden. Vorsichtig in Analogien sein, ist das erste Gebot für jeden, der irgend ein Thema nach allen Seiten wenden will. Von der Kritik meiner Assimilations - „Moral" . zur Kritik meiner Untersuchung über die Assimilation als Tatsache übergehend, ertappt mich Herr Dr. Jeremias zunächst auf dem „Kardinalfehler, von den deutschen Juden als einheitlicher Masse zu sprechen". Gegenüber diesem Vorwurf kann ich nur auf das verweisen, was ich oben zur Bemängelung meiner angeblichen Definition der Nationalität bemerkte. Es ist wirklich ein starkes Stück, mir, der ich überall Unterschiede geradezu wittere, zuzumuten, dass mir die deutschen Juden als einheitliche Masse erscheinen. Und dies aus keinem anderen Grunde, als weil ich in einem Artikel, der ihre Zusammenfassung auf Grund dessen, was sie eint, gebieterisch fordert, von ihren inneren Unterschieden absehe. Wenn aber mein Gegner der Meinung sein sollte, diese Unterschiede seien zu absolut, zu gross, als dass sie eine Einheit bestehen lassen sollten, so muss ich ihm, wenigstens für die vorliegende Frage, direkt widersprechen. Es gibt in der ganzen deutschen Judenheit, von Strassburg bis Posen und von Hamburg bis Wien, in allen Schichten, von den Kommerzienräten bis zu den Hausierern, in allen Geistesgruppen, von den deutschtümlichsten Künstlern bis zu den judentümlichsten Synagogenbeamten, in allen Lagern, von den deutschnationalen bis zu den jüdisch-nationalen Juden nicht ein einziges Gemeindlein, nicht ein einziges Schichtchen, nicht ein einziges Grüpplein, nicht ein einziges politisches Lagerchen, wovon man sagen könnte: Es schlägt ganz aus der allgemeinen Kulturart des deutschen Judentums, es hat selbständige Werke schaffende jüdische Kultur oder von allem Judentum befreite deutsche Kultur in sich herausgebildet. Abgesehen von einzelnen, ganz vereinzelten, eigentümlich gezüchteten und begabten Personen — die ganz jüdisch oder ganz deutsch oder ganz beides oder beides gar nicht sind —ist überall mehr oder weniger jüdische Note, überall etwas Deutschtum*), überall internationale europäische Zivilisation. MAX FABIAN. (Farbige Lithographie.) ALTE LIEDER (1903). *) Ich ergreife hier die Gelegenheit, auf eine scheinbare Inkongruenz zwischen den in meinem Artikel „Das westjiidische Kulturproblem" und meinen sonst geäusserten Ansichten über den Typus des westlichen Judentums hinzuweisen. Der Absatz, in welchem ich von der Gefahr der „Umschlingung durch die Sprachen und Kulturen der Westvölkerlk spreche, noch mehr aber die Stelle: „Sie (die Entwickelung) hat einen Teil des jüdischen Volkes so gebildet, dass er nun