Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Zum westjüdischen Kulturproblem
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 1)
- Language
- German
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379 380 ZUM WESTJÜDISCHEN KULTURPROBLEM. Antwort von M a t h i Soweit Herr Dr. Jeremias die Form meines Aufsatzes „Das westjüdische Kulturproblem" bemängelt, kann ich ihm, ohne gegen den literarischen Anstand zu Verstössen, nicht entgegentreten. Ich könnte es selbst dann nicht; wenn ich der Ansicht des Verfassers, wonach schon die Form erraten lasse, ob ein Aufsatz inhaltlich viel oder wenig Reelles bietet, bedingungslos zustimmen würde. Und so muss ich wohl oder übel die „geschraubten Wendungen", die „tönenden Reden" usw. so lange auf mir sitzen lassen, als meine Leser wollen. Aber die Formkritik meines Gegners ist von seiner grundsätzlichen Ablehnung und missverständlichen Auffassung des Inhalts meines Artikels viel mehr beeinüusst, als er zu glauben scheint. Dass er den Absatz über die Zukunft der Religionen als „ein wahres Schaustück pilpulistischer Dialektik über eine Frage, in der wir ja doch nichts wissen, nichts auch nur mutmassen können," erklärt, — verdanke ich offenbar nur seiner geärgerten Rechtgläubigkeit. Wenn er mich ferner wegen des Satzes „Und was ist denn Nationalität anderes als Kultur?" einer „apodiktischen Art" zeiht und mir den „mindestens ebenso kompetenten" Graetz vorführt, der „die schwere Frage betreffs der Voraussetzungen einer berechtigten Nationalität nach allen Seiten wendet," — so ist er das bedauerliche Opfer eines Missverständnisses, an dem nur er selbst Schuld trägt. Denn ein Aufsatz, der einer Sonderfrage dient, kann unmöglich alle Grundbegriffe des ganzen Fragenkomplexes, dem jene Sonderfrage angehört, erschöpfend definieren. Wer einen solchen Aufsatz schreibt, muss nolens volens gewisse Definitionen — je nach seiner „Kompetenz" aus Arbeiten anderer oder aus anderen eigenen Arbeiten — als bekannt voraussetzen. Nur muss er diesen Umstand (nicht die Definitionen!) an jenen Stellen, wo das besondere Thema an einen Grundbegriff des ganzen Themenkreises rührt, dem Leser durch geeignete Redewendungen andeuten. Eine solche Andeutung, nicht mehr und nicht weniger, ist der von Herrn Dr. Jeremias gerügte Satz. Er verrät nur soviel, dass in meinen Anschauungen die Gleichsetzung von Nationalität und Kultur eine gewisse Rolle spielt, aber (wenigstens an dieser Stelle des Artikels) nichts davon, was ich unter Nationalität oder Kultur verstanden wissen will. In Wahrheit habe ich mich — und mein Gegner gibt sich ja den Anschein, als ob ihm auch meine sonstigen Arbeiten bekannt wären — mit der Frage der Nationalität redlich abgemüht, sie nach meiner Gewohnheit nach allen Seiten wendend. Diese meine leidige Gewohnheit ist es ja auch, die mir den mehrfachen Vorwurf der „Verkläusuliertheit" einträgt. Wenn ich etwas, was nicht streng zum Thema gehört, und für dessen Erörterung mir bucha s Acher (Wien). stäblich oder methodisch der Platz mangelt, nicht genau erörtere, bin ich „apodiktisch"; wenn ich aber zu der gerade behandelten Einzelfrage Regeln, Ausnahmen und Ausnahmen von Ausnahmen konstatiere, wenn ich alle Für und Wider meiner eigenen Behauptungen prüfe, zur Aussage gemeingültiger Wahrheiten mich schwer entschliesse, dann, — ja dann verklausuliere ich mich. Dann hat mein Gegner plötzlich die „unverklausuliertesten", unkompliziertesten, geradlinigsten Antworten und vergisst ganz darauf, mir das berühmte, höchst weise, aber auch höchst missbrauchte „Ignorabimus" zuzurufen. Und es ist ja kein Zweifel: Das bischen vermeintlich Apodiktische hat Herrn Dr. Jeremias nicht die Fehdefeder in die Hand gedrückt. Was ihn erregte, erregen musste, weil es den innersten Kern seines Wesens angriff, ist gerade der Charakter gedanklicher Vorsicht, des „nach allen Seiten Wendens" in meinen Ausführungen. Ein jedes Wort seines Aufsatzes verrät, wie sehr ihm dieser Relativismus, der seine teuren, absoluten Werte gefährdet, verhasst und fremd ist. Er hat keine Ahnung davon, wie wenig er mich trifft, wenn er von mir sagt, ich stünde dem westjüdischen Kulturproblem noch hilfloser gegenüber als die „westlichen Nationaljuden." Nichts ist wahrer als das. Ich mache mir's auch nicht so leicht wie sie. Herr Dr. Jeremias legt entschieden Protest gegen meine „nationale Indolenz" ein, die es fertig bringt, die Assimilation als nichts Unmoralisches zu betrachten. Nun, so ganz „unverklausuliert" sage ich das nicht,— ich bitte ihn, nur nachzulesen, und vielleicht sieht er dann auch ein, wie deplaziert seine witzige Frage ist, ob „mir auch Flavius Josephus als ein „subjektiv moralischer" Biedermann erscheint". Im übrigen aber kann ich ihm nicht helfen: Ich kann mich weder entschliessen, in allen Juden der Emanzipationsära „weltfremde Idealisten", die auf ein „mildes Bedauern" Anspruch machen dürfen, noch in allen unseren zeitgenössischen Assimilanten blanke Verräter nach Muster der Buren-Ueberläufer oder des Josephus Flavius zu sehen. Das eine ist so übertrieben und generalisierend wie das andere. Mich will bedünken, dass es unter den Assimilanten der Emanzipationszeit mindestens ebensoviel problematische Ehrenmänner als „weltfremde Idealisten" gab, vor allem aber, dass das Gros des assimilatorisch gestimmten Volkes weder aus Lumpen noch aus Idealisten, sondern aus realistischen Durchschnittsmenschen bestand, die einfach taten, was die Zeit und ihr bürgerlich wirtschaftliches Interesse von ihnen verlangte. Und ebenso glaube ich, dass unsere heutigen Assimilanten nicht durchwegs „Verräter" sind, sondern dass einem winzigen Häuflein solcher ein mindestens ebenso grosses Häuflein — weltfremder oder weltheimischer — Idealisten und eine