Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Zur neuesten religionsgeschichtlichen Literatur
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 365 - 366 (sequence 3)
- Language
- German
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365 Dr. Felix Perles: Zur neuesten religionsgeschichtlichen Literatur. 366 hauptung, dass die Welt nicht jüdisch, sondern eben christlich geworden ist." Als ob der Sieg des Christentums etwas für die geschichtliche Persönlichkeit Christi und speziell sein Verhältnis zu den Pharisäern beweisen könnte, und sich nicht vielmehr aus der dem Heidentum so weit entgegenkommenden Christologie erklärte, an der dann erst der Konflikt zwischen Juden und Christen zum vollen Ausbruch kam! Bald darauf erschienen in kurzer Aufeinanderfolge zwei Schriften von Kalt hoff, von denen die eine1) die im „Christusproblem" vorgetragenen Ideen in völlig neuer Form, zugleich vertieft wie durch reiches Material erweitert und besser begründet, in überaus anregender Darstellung vorträgt, während die zweite kleinere2) ihrer äussern Form nach lediglich eine Auseinandersetzung mit Bousset ist, aber weit über eine persönliche Streitschrift sich erhebt und ein vernichtendes Urteil über die gesamte liberale Theologie fällt. Uns interessiert wiederum am meisten die Tatsache, dass er gleich Steudel die Autorität der jüdischen Gelehrten gegen B. ins Feld führt. So schreibt er (S. 31): „Da waren es zuerst jüdische Gelehrte, die auf Grund ihrer eingehenden, in die kleinsten Details eindringenden Kenntnis der jüdischen Literatur aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung feststellten, dass unsere Evangelien nicht nur ein unklares, sondern ein geradezu falsches Bild des palästinensischen Judentums aus der Zeit um Augustus und Tiberius entwarfen, dass dieses Bild überhaupt auf gar keine wirklich geschichtlichen Verhältnisse des palästinensischen Judentums passe." Die einzelnen von ihm beigebrachten Beispiele, die übrigens nicht nur aus jüdischen Werken, sondern z. B. auch (für die Ungeschichtlichkeit der Kreuzigungsgeschichte) aus Brandt's Evangelischer Geschichte entnommen sind, Hessen sich natürlich noch bedeutend vermehren, so namentlich aus dem eben erschienenen trefflichen' Buch von Elbogen.3) In dem anderen Werke wiederum („Entstehung des Christentums") widmet Kalthoff ein besonderes Kapitel der Vorgeschichte des Christentums im Judentum. Und wenn wir auch manchen Fehlurteilen darin begegnen, (so ist z. B. die Moral der Pharisäer ganz einseitig gezeichnet),4) erkennen wir doch dankbar den guten Willen an, der sich hier überall zeigt, *) Die Entstehung des Christentums. Neue Beitiäge zum Christusproblem. Leipzig. Diederichs, 1904 2) Was wissen wir von Jesus? Eine Abrechnnng mit Professor D. Bousset in Güttingen. Schmargendorf - Berlin. Verlag „Renaissance" 1904. 3) Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch (22. Bericht über die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums). Berlin 1904, z. B. S. 38/39. 4) Wie ungerecht sind z. B. Urteile wie (S. 88): Die Rabbinerschüler hatten in Rom die Kunst, die sie von ihren jerusalemischen Meistern gekernt, mit ihren Gebeten sich Einfluss zu schaffen und gute Geschäfte zu machen, in grossem Stil betrieben" und einige Zeilen weiter: „Die jüdische Synagoge (in Rom) war die Organisation des merkantilen Kapitales". die religionsgeschichtliche Bedeutung des Judentums zu erfassen. Besonders fesselnd ist seine Darstellung der Entwicklung des Messianismus, den er „die Seele der israelitischen Religionsgeschichte" nennt. Das Deuteronomium wird S. 64 als „der erste weltgeschichtliche Versuch bezeichnet, den Humanitätsgedanken, den Gedanken eines Menschenrechts, zum Ausgangspunkt einer Gesetzgebung zu machen". Weiter stellt K. fest, dass in den Sprüchen des Sirach schon alle die wichtigsten Grundgedanken der Bergpredigt und weitgehende Parallelen zu den Jesussprüchen der Evangelien enthalten sind. Nachdem er die Hauptberührungspunkte hervorgehoben und auch einzelne Beläge für direkte Benutzung der älteren Spruchsammlung durch die jüngere beigebracht hat, fasst er sein Resultat in den Satz zusammen: „Es dürfte tatsächlich keinen einzigen Gedanken aus der christlichen Spruchliteratur von nennenswerter Bedeutung geben, für den sich nicht in den Sprüchen des Alten Testaments eine Parallele oder wenigstens eine Anknüpfung finden Hesse." Auffallenderweise berührt K. nicht mit einem Wort die quantitativ und qualitativ noch viel weiter reichenden Beziehungen zwischen den Sprüchen der Schriftgelehrten und den evangelischen Sprüchen, die vielfach selbst in der Form vollkommen übereinstimmen. Häufig stellt der rabbinische Spruch erst das Bindeglied zwischen der alttestamentlichen und evangelischen Form des Spruches dar. So vergleicht, um nur ein Beispiel herauszugreifen, K. die bekannte Stelle Lukas 12, 19 ff. mit Sirach 11, 18—19, während eine Barajta5) im Ausdruck viel genauer übereinstimmt. Ueberhaupt wäre es wünschenswert, dass K. in einer gewiss nicht ausbleibenden zweiten Auflage seines Werkes die Beziehungen zwischen der Moral der Pharisäer und den Evangelien nicht nur gelegentlich streift, sondern in einem besondern Kapitel behandelt. Alles in allem genommen dürfen wir jedoch KalthofPs Schrift nach Form und Inhalt als eine der bedeutendsten Erscheinungen bezeichnen, die uns die letzten Jahre auf religionsgeschichtlichem Gebiet gebracht haben. Dadurch kommen wir von selbstauf die neueste Broschüre von Delitzsch,6) der wir allerdings nicht das Gleiche nachrühmen können. Vielmehr erscheinen, wenn man überhaupt zwei so ungleiche Geisteserzeugnisse vergleichen darf, die Rollen vertauscht, indem der Professor der philosophischen Fakultät im salbungsvollen Pastorentone predigt, während der Pastor im ernsten Forschungsdrange ohne Seitenblick nach rechts und links die Fahne der Wissenschaft gegen eine Welt von Vorurteilen hochhält. Dass wir's nur offen gestehen, das Judentum hat im Babel-ßibel-Streit bisher nichts weniger 5) b Taanit IIa vgl. EliaRabba (ed. Friedmann) 127/128; Elia Zuta 167, 198. 6) Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick. Stuttgart 1904.