Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 367 - 368

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Zur neuesten religionsgeschichtlichen Literatur
Date
1904-06-01
Page
Seite 367 - 368 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583925-2590261--03990-2590324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

367 Dr. Felix Perles: Zur neuesten religionsgeschichtlichen Literatur. 368 als glänzend abgeschnitten. Der Hauptgrund für diese beschämende Tatsache liegt in der von uns schon früher an dieser Stelle1) beklagten Vernachlässigung des wissenschaftlichen Bibelstudiums auf jüdischer Seite. Es kann nichts Verkehrteres und Schädlicheres geben, als wenn manche jüdische Apologeten Delitzsch gegenüber jedes Wort im Alten Testament verteidigen und weder der sachlichen noch der historischen Kritik ein Recht einräumen. Denn sie geben dadurch dem Gegner den willkommenen Anlass, die übergrosse „nationale" Voreingenommenheit (S. 57) seiner jüdischen Kritiker hervorzuheben und im geringschätzigen Tone von den „landläufigen Gegenschriften der Rabbiner" (S. 59) zu sprechen. Dieses summarische Verfahren, als ob alle Gegenschriften und alle Rabbiner auf einer Stufe ständen, ist zwar dem Judentum gegenüber auch sonst sehr beliebt, und wir können nur aufs energischste gegen eine solche Verallgemeinerung Protest einlegen,2) aber alle Proteste verhallen wirkungslos, bevor wir nicht auf eine grössere Anzahl jüdischer Gelehrter hinweisen können, die auch auf biblischem Gebiet sich hervorgetan haben. Dass übrigens gerade Delitzsch den Juden übertriebene Verehrung für ihre religiösen Urkunden vorwirft, ist etwas unvorsichtig von ihm. Denn er selbst gibt uns ja das Beispiel dafür, wie er zwar auf der einen Seite den „Nimbus des auserwähltenVolkes" unddes Alten Testamentes mit allerhöchster Erlaubnis zu zerstören sucht, auf der anderen Seite aber seine Broschüre pflichtschuldigst mit einem längeren erbaulichen Zitat schliesst, in dem wir unter anderem zu hören bekommen: „Christus aber ist überall Offenbarung und Gipfel, Weg und Wahrheit, frei von Irrtum und Sünde." Wo bleibt hier die (S. 57) den jüdischen Kritikern gegenüber gerühmte „christliche wissenschaftliche Theologie, die nicht davor zurückschreckt, an das neutestamentliche Schrifttum mit allen Mitteln der historisch-kritischen Forschung heranzutreten, um JesuLeben und Lehre immer reiner und lauterer aus der Durchsetzung mit allerlei menschlichen Zusätzen herauszulösen"? Warum dehnt ferner Delitzsch seine Parallelen zwischen Babel und Bibel nicht auch auf das Neue Testament3) aus, das in seiner Christologie, Dämonologie und Apokalyptik viel stärker von Babel abhängt als irgend ein Bestandteil des Alten Testaments, und obendrein gerade diesen auf fremdem Boden erwachsenen Lehrbegriffen eine zentrale Bedeutung einräumt, ohne dieselben monotheisieren oder vergeistigen zu können, wie es das Alte Testam ent mit dem Schöpfungs- und Sintflutbericht getan hat? Warum eifert er hier nicht gegen die Vertreter der Kirche, die sich gegen längst erkannte Wahrheiten stemmen? 0 Ost und West 1904 No. 1, col. 60—61. 2) S. 63 macht D. seine Gegner gar zu „führenden Männern des Judentums". Gibt es heute überhaupt solche? 3) Vgl. darüber vor allem Zimmern in „Die Keilinschriften und das Alte Testament" 3377 ff., wo reiche religionsgeschichtliche Nachweise gegeben sind. Delitzsch will eben nicht den Juden das Recht zuerkennen, das er für sich in Anspruch nimmt. Er misst überhaupt mit zweierlei Mass und meint durch möglichste Eliminierung aller alttestamentlichen Elemente dem Neuen Testament desto leuchtenderen Glanz verleihen zu können und zu müssen. Man streiche doch einmal aus dem Neuen Testament (und überhaupt aus dem Christentum) alles Alttestamentliche, und was bleibt übrig: ausser zahlreichen schönen Sprüchen und Gleichnissen der damaligen jüdischen Schriftgelehrten eine Reihe von Wundergeschichten und teils volkstümlichen, teils theologischen Vorstellungen, welche die am reinen prophetischen Monotheismus herangebildeten Juden weit von sich zurückweisen mussten und heute auch schon zahlreiche christliche Theologen mehr oder weniger offen preisgeben. Delitzsch hingegen (S. .37) glaubt die Frage, ob und inwieweit das Christentum mit dem Alten Testament in „geschichtlich-organischer Verbindung" stehe, durch nichts besser lösen zu können, als durch die Erklärung: „Das Verhalten des Judentums zum Christentum spricht für Verneinung dieser Frage." Wäre Delitzsch — auf diesem Gebiete — mit besseren religionsgeschichtlichen Kenntnissen ausgerüstet, so hätte er vielmehr sagen müssen: „DasVerhalten des Christentums zum Judentum spricht für Verneinung dieser Frage." Denn dieses Verhalten, ein durch l1^ Jahrtausende bis auf den heutigen Tag fortgesetzter Erdrosselungsversuch, wäre sonst eine muttermörderische Ungeheuerlichkeit, für welche die Geschichte keine Analogie bietet. Aber Delitzsch geht noch weiter, wenn er die fortgeschrittenere religiöse Erkenntnis der heutigen Juden folgendermassen erklärt (S. 58): „Ich zweifle nicht, dass sich auch das jetzige Judentum, vor allem unter der Macht der christlichen Idee,4) zu dem Glauben an den einen, alle Völker und Menschen mit gleicher Liebe, Langmut und Gerechtigkeit umfassenden Gott bekennt, aber die alttestamentliche Gottanschauung war das nicht, konnte es gar nicht sein, und auch jetzt noch bleibt ein gewisser Widerspruch zwischen jener grossen, hoch- und weitherzigen Gottanschauung und dem Glauben an Israels besondere „Auserwähltheit" und an Israel zuteil gewordene besondere Gottesoffenbarungen (Thora) und Gottverheissungen." Dieser Satz, der jedem Lehrbuch der christlichen Apologetik zur Ehre gereichen würde, zeigt wiederum einen bedenklichen Mangel an religionsgeschichtlichen Kenntnissen. Denn erstens brauchten die Juden diese Auffassung nicht erst zu lernen, sondern besassen sie schon längst in ihren Propheten in einer Reinheit, der den Glanz zu rauben auch nicht einmal Delitzsch gelingt. Dann aber, wenn manche Juden zu manchen Zeiten und vielleicht auch heute diesen weitherzigen Gottesbegrift vergessen haben, so war daran vielleicht gerade am 4) Von mir gesperrt gedruckt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.