Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 363 - 364

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Zur neuesten religionsgeschichtlichen Literatur
Date
1904-06-01
Page
Seite 363 - 364 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583925-2590261--03988-2590322
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

363 Dr. Felix Perles: Zur neuesten religionsgeschichtlichen Literatur. 364 religiöse Ernst lenkte schnell die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die auch äusserlich sich sehr vornehm präsentierende Broschüre, von der bald eine zweite Auflage erschien. Wie zu erwarten stand, sahen sich die kirchlichen Kreise, speziell in Bremen, durch die geradezu umstürzenden Theorien Kalthoffs nicht wenig beunruhigt und machten sofort gegen ihn mobil. Aber auch die fortschrittlicheren Protestanten konnten nicht ruhig bleiben und glaubten ihrer Sache am besten dadurch zu dienen, dass sie einen bekannten „liberalen" Theologieprofessor nach Bremen einluden, damit er mit dem doppelten Gewicht seiner Stellung und Gelehrsamkeit den nicht zur Zunft gehörigen Kalthoff für immer abtue. Der Erwählte des Protestantenvereins war der Göttinger Universitätsprofessor D. "Wilhelm Bousset, der nunmehr am 6. Januar 1904 einen Vortrag hielt mit dem Titel „Was wissen wir von Jesus?" Da der Vortrag nach Ton und Inhalt auf eine regelrechte apologetische Predigt hinausläuft, hat er kein besonderes Interesse für uns und kann als würdige Fortsetzung und Krönung seiner Schrift „Volksfrömmigkeit und Schriftgelehrtentum"1) gelten. Dass ich auf letztere bisher nicht reagiert habe, hat, wie ich hier beiläufig bemerken möchte, seinen Grund in der einfachen Tatsache, dass ich Bousset schon in meiner ersten Schrift viel zu ernst genommen habe. So antwortet er auf meine (S. 19 ff.) ausführlich begründete Beanstandung des Ausdrucks „Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" wörtlich (S. 14): „Nur um einen geschickten und das für den christlichen Theologen an diesen Fragen vorhandene Interesse andeutenden Titel zu gewinnen, habe ich den Ausdruck: Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter gewählt. Das hätte mein Gegner sich eigentlich selbst sagen können." Ich muss sagen, dass ich Bousset vorher nicht so tief eingeschätzt habe, als dass ich ihm eine solche Rechtfertigung zugetraut hätte, und er hat durch dieses unvorsichtige Geständnis nur bewiesen, dass er, wie die meisten sich liberal dünkenden Religionshistoriker, das Judentum doch nur unter dem Gesichtswinkel der christlichen Theologie anzuschauen und zu beurteilen weiss.2) x) Dieselbe soll eine Antwort auf meine Schrift „Boussets Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter kritisch untersucht" (Berlin, Wolf Peiser Verlag 1903) darstellen und hat bezeichnenderweise nicht nur in der liberalen Theologischen Literaturzeitung (1904 No. 2), sondern auch in der katholischen Revue Biblique (1903 S. 625) und in dem eben so frommen Evangelisch-protestantischen Kirchenblatt (1903, 35/36) das wohlverdiente Lob erhalten. Letzteres Blatt erklärt sogar von der Höhe seiner Gelehrsamkeit und Unbefangenheit herab, dass ich „in vollem Masse die eigentümlich jüdische Unfähigkeit zeige, irgend etwas unbefangen zu betrachten, was mit dem Judentum zusammenhängt." Glücklicher Bousset! 2) Um wenigstens eine Probe von der Gewissenhaftigkeit seiner Gegenkritik zu geben, sei hier auf S. 12 seiner Schrift verwiesen, wo er eine Stelle aus meiner Kritik wörtlich anführt, in der ich (S. 25) angeblich seine Ansicht über das Verhältnis der neutestamentlichen zur jüdischen Frömmigkeit zusammen- Doch zurück zu Boussets Vortrag in Bremen, der dann sofort auch im Druck erschien.3) Gross war die Freude derer, die Kalthoff nun totgemacht glaubten, und ein kirchliches Blatt in Bremen votierte Herrn Prof. Bousset den Dank für seine Tat. Da erschienen in den „Bremer Nachrichten"4) vier Artikel von Pastor Fr. Steudel, der schon früher wiederholt für Kalthoff eingetreten war, und nunmehr mit Geist und Verve den B.schen Vortrag einer schonungslosen Kritik unterwarf. Am interessantesten für uns ist die Tatsache, dass sich Steudel namentlich auch gegen B.s Behauptung wendet, „die Evangelien seien die allerbeste Quelle für die kulturellen und religiösen Verhältnisse Palästinas in der ersten Hälfte des ersten christlichen Jahrhunderts", und bei dieser Gelegenheit auch eine Reihe neuerer Werke jüdischer Gelehrten zum Gegenzeugnis anruft. Geradezu amüsant ist es nun, wie Bousset in seiner Replik5) sich mit den ihm unbequemen Tatsachen, die ihm sein Kritiker vorhält, abzufinden versucht. Da er diese Tatsachen nicht ableugnen und aus der Welt schaffen kann, begnügt er sich damit, unter Hinweis auf seine vorangegangene, unwidersprochen gebliebene Schrift einfach zu erklären, „dass er jüdischen Autoritäten trotz aller anzuerkennenden Gelehrsamkeit in Mischna und Talmud bei ihren Urteilen auf dem Gebiet des Neuen Testaments mit absolutem Misstrauen gegenüberstehe." Als ob dieses „Misstrauen" eine wissenschaftliche Gegeninstanz gegen die von den jüdischen Gelehrten angeführten Tatsachen (es handelt sich nämlich gar nicht um „Urteile") bedeutete, und als ob die jüdischen Gelehrten nicht gerade auch durch ihre Gelehrsamkeit auf B.s eigenstem Arbeitsgebiet seine und seiner Fach genossen Blossen aufgedeckt hätten! Besonders glänzend ist die Abfertigung des Chwolsonschen Satzes: „Die Pharisäer hatten gar keine Ursache, Christus zu verfolgen, da die Lehren desselben im grossen und ganzen zu den ihrigen nicht nur in keinem Widerspruch, sondern in vollem Einklang mit ihnen standen." Da es B. unmöglich ist, diesen Satz durch irgend etwas zu erschüttern, glaubt er bei seinen Lesern damit Eindruck zu machen, dass er, statt ihn zu widerlegen, ihn kurz und keck verwirft mit den Worten: „Das glaube, wer will", um dann mit klownartigem Sprunge die Diskussion auf einen anderen Punkt zu lenken, indem er fortfährt: „Merkwürdig bleibt es indessen bei dieser Befasse, und sich darüber entrüstet, „dass ich es wage, diesen Unsinn seinen Lesern aufzutischen*. B. hat sich hier jedoch die Freiheit genommen, statt des von mir gebrauchten Wortes Theologie stillschweigend Frömmigkeit einzusetzen, wodurch natürlich der Sinn vollkommen geändert wird. Oder sollte B., der sein Schriftchen hochtrabend „Volksfrömmigkeit und Schriftgelehrtentum" betitelt, als ob ich diese beiden Begriffe nicht auseinanderzuhalten wüsste, Theologie und Frömmigkeit für gleichbedeutend halten? s) Halle. Gebauer-Schwetschke, 1904 4) Ein Streiflicht auf die theologische Wissenschaft (7., 10., IL, 13. Februar 1904). ß) Bremer Nachrichten, 28. Febr. 1904.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.