Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Sünde
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 345 - 346 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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345 Josefa Metz: Sünde. 346 Sie hatte wohl das ganze Jahr hindurch gesündigt: war zu Hause nicht immer gehorsam gewesen, hatte in der Schule von anderen abgeschrieben und heimlich ins Buch gesehen — sogar in der Religionsstunde. Und einmal hatte sie sich mit einem Strassenjungen geprügelt. „Frecher Benge], was willste überhaupt?" hatte sie zu ihm gesagt, der ganz ruhig seines Weges gegangen war. Nacher kam sie mit zerrissenem Kleide und ohne Haarschleife nach Hause. Aber so was taten die anderen Kinder auch schliesslich, das waren keine richtigen Sünden, doch das vorgestern. — — Wie, wenn der liebe Gott jetzt strafte, wenn er sie, anstatt in das goldene Buch des Lebens, in das schwarze des Todes einschrieb?! Heute war ja der Tag der Abrechnung. Eine heisse Angst quoll in ihr empor. Sie wagte gar nicht mehr aufzublicken, immer meinte sie in das Antlitz Gottes zu sehen.-- Ja, Maria Schmitz, die hatte es gut! Wenn die sündigte, ging sie einfach zur Beichte, oder sie sagte alles der Mutter Maria. Vor der brauchte man gar keine Furcht zu haben, das war doch eine Mama und sah so lieb aus mit ihrem Kindchen auf dem Arm. Der häite sie sich auch ruhig anvertraut und gebeten: Heilige Mutter Gottes, bitt' für mich! — Und dann der Herr Jesus! Dieser freundliche Mann, der die Kinder zu sich kommen Hess. Der würde ihr gewiss den Kopf streicheln, wie dem kleinen Mädchen auf dem Bilde in Schmitz' Wohnstube. Und er würde gar nicht böse sein, höchstens sagen: „Du, Du, nicht wiedertun!" — Sie aber hatte nur diesen einen, einzigen ehrfurchtbaren Gott, der die Sünden der Väter rächte . . . Nun würden am Ende noch ihre Kinder und Enkel darunter zu leiden haben. Schrecklich! — Sie rührte leise an den Aermel ihrer Mutter, das beruhigte sie ein wenig. Ob ihre Mama auch wohl mal gesündigt hatte, oder ihr Papa? — Nein, gewiss nicht. Ihre Eltern waren ja so fromm und gut, die hatten nie mit Bewusstsein Schweinefleisch gegessen. Die taten überhaupt nur Gutes. Dreimal in der Woche schickte Mama dem alten Wolf Mittagessen, trotzdem er so unverschämt war und sagte, dass er immer nur so wenig süsse Speise bekäme. Und was ihre Eltern alles an Arme verschenkten! Aber das wollte sie von jetzt an auch tun, denn „Reue, Gebet und Liebeswerke lassen das böse Verhängnis vorübergehen", so stand es im Neujahrsgebet mit ganz dicken Buchstaben. — Gleich übermorgen würde sie Else Leffmann ihren einen Tintenwischer schenken. Sie konnte ihn so wie so nicht gut mehr gebrauchen, weil er ganz steif war von der vielen Tinte. LefTmanns hätten es sehr nötig, hatte ihr Papa neulich gesagt. Else sah auch immer so ärmlich aus, sie wollte Mama bitten, ihr ein paar von den Aermelschürzen zu geben, die schonten die Kleider doch sehr.---- Wie stark die Eau de Cologne aus Gumperts Taschentüchern roch! Fast wie Reseda oder Levkojen oder so was . . . „. . . pocht an Euer Herz und fragt Euch . . Es war sehr schwül, gerad' wie im Juli. Man konnte fast meinen, man sei in einem Garten. Die Damen trugen noch ihre Sommerhüte mit den vielen Blumen. Da drüben sassen ein paar dicht zusammen, die sahen aus wie ein grosses, buntes Beet. Der grüne Sonnen streifen über dem Altar war der Rasen. Die Bienen summten . . . ach nein, das war ja Dr. Salomon. Sie hatte sich fest vorgenommen, einmal bei der Predigt aufzupassen, Grosspapa freute sich immer so, wenn sie was davon behalten hatte. Aber man wurde ganz müde von dem scharfen Aulpassen . . . ach ja . . . ganz müde . . . „. . . Er hat Eure Sünden gezählt, er siehet die Missetaten und rechnet ..." — Ob er gut Brüche rechnen konnte? Brüche rechnen war sehr schwer, überhaupt rechnen. Dann doch lieber Naturgeschichte oder Geographie. Am allerschönsten war natürlich Turnen. Der Rundlauf! Eins, zwei, drei, los! Dann schwebte man über der Erde, ganz leicht und frei, als ob man nie auf ihr herumgelaufen wäre ... — „und wie er das blaue Zeltdach des Aethers ausspannt." ... — Bis da hinauf konnte man ja fast springen am Rundlauf, eins, zwei ... — Da war es schon, das blaue Zeltdach. Die Sonne leuchtete hindurch, alles war von einem zitternden, goldenen Licht erfüllt. Und mitten darin — da — da sass ja-- der liebe Gott. — An einem Mahagonischreibtisch sass er, auf dem eine Goethebüste stand, genau wie bei Grosspapa. Sie musste sich doch sehr wundern: Da hatten sie nun in der Religionsstunde gelernt: „Du sollst dir kein Bild machen, auch keinerlei Gestalt." . . Das war ihr so schwer geworden, und sie hatte immer ein bisschen an den Petrus auf dem Altarbilde in der katholischen Kirche gedacht. — Nun sah sie, dass der liebe Gott wirklich ein so schöner, alter Herr war. Nicht so gemütlich wie der Petrus mit der Glatze, mehr wie Moses vorn in Mamas Gebetbuch. Er trug auch so ein weisses, faltiges Gewand und aus seinem Haupte schössen zwei goldene Strahlen hervor. Rechts vor ihm lag das goldene Buch des Lebens, links das schwarze des Todes, während die Gesetzestafeln gegen den Aufsatz mit der Goethebüste lehnten. Der Erzengel Michael stand mit einer Liste in der Hand neben ihm, gerade so einer, wie die vom Gemeindediener Fischer mit einem blauen Pappdeckel darum. Daraus las er die Namen aller Gemeindemitglieder ab. Bei den Frauen hatte er angefangen, und es ging der Reihe nach, gerade, wie sie sassen. Immer wenn er einen Namen aufgerufen, besann sich der liebe Gott, überlegte auch wohl erst mit dem Engel, und dann trug er ihn in eins der beiden Bücher ein. Eine schreckliche Angst ergriff Eva, bald würde die Reihe an ihr sein. Eben las der Engel: „Fräulein Johanne Gumpert".