Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Sünde
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 343 - 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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343 Josefa Metz: Sünde. 344 liebtes Kind wäre, so hatte er sie an sich gedrückt, sorgsam und zärtlich. Eva sah wieder in ihr Buch: .... „Dein, o Herr, ist alle Herrlichkeit, der Himmel und die Erde und alles, was sie schmücket'* . . . Durch das seitliche Fenster, das keine bunten Scheiben hatte, um mehr Helligkeit zu geben, sah sie gerade auf eine weisse Mauer, die förmlich in Sonne gebadet war. Hie und da ergoss sich eine Laub welle über die rote Ziegelkrönung, dunkelgrünes Laub mit feuerfarbenen Flecken, ganz purpurrotes oder gelb und rot gesprenkeltes. Darüber ein tiefblauer Himmel. Eben flogen ein paar Tauben vorüber und hoben sich silbern von dem leuchtenden Blau ab. Wie schön hatte der liebe Gott doch das alles gemacht! Sie war ihm dankbar dafür und auch dafür, dass sie es zu Hause so gut hatte und auch alle fremden Leute so nett zu ihr waren. Ein heisses Glücksgefühl durchströmte sie. Ja, sie war doch eigentlich ein sehr glückliches Kind. Sie nahm sich fest vor, ein guter Mensch zu werden, an dem jeder seine Freude hatte. Nie mehr würde sie der allen Frau Herz ihren Zungenfehler nachmachen oder die Füsse einwärts setzen und hin und her wackeln, wie Julius Cohn. Ja, sie wollte sich sogar Mühe geben, Fräulein Johanne Gumpert gern zu haben, und das wollte doch etwas heissen. Aber der liebe Gott hatte geboten, seine Nächsten zu lieben, und sie musste ihm auch etwas zu Gefallen tun, da er es ihr immer so gut ergehen liess. Versuchen konnte man es also immerhin. — ■— Sie war ganz in ihre guten Vorsätze vertieft, als das Gespräch hinter ihr wieder anfing: „Nu sieh Dir bloss den meschanten Hut von der Rosa Meyer an, da hat de Löwenthal se mit angeschmiert," sagte Fräulein Johanne Gumpert. „Voriges Jahr wollt 'n kein Mensch haben, ich kenn 'n wieder, wenn sie auch?ne andre Feder drauf garniert hat." Eva seufzte, es war doch sehr schwer, das mit dem „Nächsten" lieben. Jetzt wurde ein Lied gesungen. Das war immer eine besondere Freude für Eva: einmal klang es sehr schön und machte alles viel feierlicher, und dann schnitten einige von den Frauen so komische Gesichter dabei. Sie sahen gegen die Decke und atmeten so tief, als ob sie jeden Ton aus dem Magen herausholon wollten, das war sehr lustig. Der Gesang verhallte, Frau Goldberg sang, wie stets, noch einen Ton hinterher. „Se muss ja immer 's letzte Wort haben," tuschelte Fräulein Johanne Gumpert. Dann hustete Dr. Salomon, — da fing also gleich die Predigt an. Schnell las Eva die Seite im Gebetbuch herunter, um vorher noch mit dem Gebet fertig zu sein. .......„und erfülle die Wünsche unseres Herzens, falls sie Dir angenehm sind. Amen." Sie seufzte erleichtert auf und dachte daran, dafs sie sich eine „Eins" unter den Aufsatz wünsche und KÄTHE MUNZER: HUMORIST. ZEICHNUNG. 0 Fehler im französischenExtemporale, dass sie sich wünsche, keine Aermelschürzen mehrtragen zu brauchen, und dass sie sich innigst einenRing mit einem Herzchen dran wünschte, wie Maria Schmitz einen besass. Dr. Salomon war schon mitten in seiner Predigt und sprach über die Versuchung von aussen und innen, als sie mit ihren Wünschen fertig war. .....„hütet Eure Seelen vor bösen Stunden, lasset nicht herannahen Begierde und Versuchung, schmiedet um Euch den Panzer des Glaubens" .... Eva fühlte sich von einem plötzlichen Schreck durchzuckt, gleichzeitig löste sich etwas Graues, Schattenhaftes von der Decke und schwebte zu ihr herab. Es sah fast wie eine Stirn aus, unter der ein Paar tiefliegende Augen sie anstierten — ihr Gewissen. Wie hatte sie das nur vergessen können, was sie seit zwei Tagen verfolgte und peinigte, wenn sie sich auch alle Mühe gegeben, leicht darüber hinwegzugehen. Da sass sie nun den ganzen Neujabrsmorgen über in der Synagoge und hatte nicht ein einziges Mal an ihre Sünde gedacht. Erst als Dr. Salomon von den Begierden sprach, war sie ihr wieder eingefallen. Vorgestern in der Pause auf dem Schulhof war es gewesen. Sie hatte ihr Butterbrot schon verzehrt gehabt, als Maria Schmitz gerade in das ihrige hineinbeissen wollte. Es war eine grosse Brotschnitte mit einem rosarotem Stück Schinken darauf, an dem eine schmale, weifse Speckkante glänzte. Die Sonne schien wie heute und liess ihr den roten Schinken so recht in die Augen leuchten. Da kam es — da trat die Versuchung von aussen an sie heran und die Begierde von innen. Und sie sagte: „Du, Maria, lass mich mal abbeissen." Maria hielt ihr bereitwillig das Butterbrot hin — und sie biss hinein. Es schmeckte prachtvoll. — „Aetz!" schrie Maria, „nun haste Schweinefleisch gegessen und das darfste nicht!" — Das war abscheulich. Eva hätte ihr am liebsten eine Ohrfeige gegeben, aber sie tat es nicht, denn sie selbst hatte ja viel schlimmer gehandelt. Wenn sie es noch einen Augenblick vergessen gehabt hätte, dass es Sünde war, aber das hatte sie eben nicht. Was half es, dass sie immer wieder ausspuckte, der Bissen war hinunter.