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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 347 - 348

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Sünde
Date
1904-05-01
Page
Seite 347 - 348 (sequence 4)
Language
German
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347 Josefa Metz: Sünde. 34S „Sie ist fromm," sagte der liebe Gott. „Aber sie schwätzt immer während des Gottesdienstes," erwiderte der Engel. „Sie ist sehr gut gegen Arme." „Aber sie schimpft den ganzen Tag mit ihrem Dienstmädchen, und sie schliesst die Butter ein, damit sie nicht dran kann." „Sie tut im Geheimen viel Gutes." „Aber sie hat ein gefährliches Mundwerk, man muss sich vor ihr in acht nehmen." „Sie hat viel Schweres durchgemacht," sagte der liebe Gott, und damit schrieb er sie in das goldene Buch ein. Zu merkwürdig, wie genau sie dort oben alles wussten! Noch neulich hatten Mama und Frau Sternfeld sich über Gumperts unterhalten und gerade dasselbe gesagt. „Fräulein Jettchen Gumpert," fuhr der Engel fort. Bei ihr gab es weiter keine grossen Schwierigkeiten. „Sie ist 'ne Schlemiehlte," sagte der Engel und lachte. „Aber eine brave Seele," erwiderte der liebe Got und lächelte. Immer weiter ging es. — „Lieber Gott," betete Eva leise vor sich hin, „schreib' mich doch ein in das Buch des Lebens, bitte, ja? Tue es doch, bitte, bitte. Ich weiss, ich habe gesündigt, und ich hab's nicht mal meinen liltern gesagt, weil ich Angst hatte. Aber wenn Du wüsstest, wie leid es mir tut! Und ich tu's sicher nicht zum zweitenmal, da kannst Du Dich fest drauf verlassen. Lieber Gott, nimm's mir bloss dies einemal nicht übel, ich will auch ein guter Mensch werden, ganz sicher, keinem Menschen werde ich mehr was nachmachen, und auch nicht mehr ablesen und nicht mehr vorsagen in der Schule, und ich will auch immer für Religion lernen, sogar „Sittenlehre", die doch so grässlich langweilig ist, nicht bloss die biblischen Geschichten mit Bildern. Und ich will Johanne Gumpert nachher die Hand geben und ihr zum Neujahr gratulieren, trotzdem ich sie nicht ausstehen kann ..." — „Frau Julie Neuberg!" . . . Himmel! Ihre Mama! — Eva fühlte ihr Herz bis in den Hals hinein schlagen. — Freudig, ohne ein Wort zu veilieren, griff der liebe Gott nach dem goldenen Buche, und auch der Engel machte keine Einwendung. So glatt war es noch bei keiner einzigen gegangen. Eva war ordent- .lich stolz. — Aber dann ... — „Eva Neuberg!" . . . Jhr Herz hörte auf zu schlagen, die Gewissensaugen waren starr auf sie gerichtet. — — Langsam griff der liebe Gott nach dem goldenen Buch. „Sie hat gesündigt," sagte der Engel. „Sie ist ein Kind." „Aber sie wusste doch, dass es Sünde war." „Sie hat sie tief bereut und will ein guter Mensch werden ..." — Und auf einmal sah der liebe Gott gar nicht mehr aus wie Moses und auch nicht wie Petrus, sondern genau wie Grosspapa neulich, als er sagte: „Ja, ein Schlingel ist sie, aber sie soll doch ein Stück Pflaumenkuchen haben." Da lief sie auf ihn zu, kletterte auf seinen Schoss und barg ihren Kopf an seinem alles umfassenden, gütigen Vaterherzen. Und jetzt fiel ihr auch der Nachsatz ein, den sie nie behalten konnte: „. . . der aber Gnade erzeigt bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten."-- Der liebe Gott räusperte sich. Es klang wie das Räuspern ihres Papas, das sie immer aus all dem Husten und Räuspern da unten heraushörte. — Die Eau de Cologne duftete. — „. . . Und so lasst uns denn sprechen den dreifach geheiligten Segen unserer erhabenen Religion . . ." Eva fühlte einen leichten Schlag auf die Schulter. — Sie öffnete die Augen ganz weit. — Da winkte Mama ihr zu, mit aufzustehen. Sie rieb sich die Augen und erhob sich. Herr Dr. Salomon war mit seiner Predigt zu Ende und sprach zum Schluss den Segen über die Gemeinde. — Eva hätte aufjauchzen mögen. — Es war ja gewiss nicht recht, dass sie während der Neujahrspredigt eingeschlafen war, aber das hatte der liebe Gott wohl extra so geschehen lassen, um ihr im Traum zu zeigen, dass er ihr vergeben habe und sie in das Buch des Lebens einschreiben würde. Ja, im Traum hatte er ihr das verkündigt, gerade wie damals dem Pharao die sieben fetten und die sieben mageren Jahre, nur viel deutlicher, denn sie brauchte keinen Josef, der ihr den Traum auslegte. — * * „Gott, was 'ne Chamime!" stöhnte Fräulein Jettchen Gumpert und fächelte sich mit dem Eau de Cologne-Tuch, „aber die Predigt war grossartig!u — „Enkelauhenu, enkadaunenu . . .", jubelte die Gemeinde.

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