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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 335 - 336

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Der Sederabend
Date
1904-05-01
Page
Seite 335 - 336 (sequence 5)
Language
German
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) ■ / 33ü Dr. E. Baneth: Der Sederabend. 336 Auf die Haggada folgt das Hallel, der aus den Psalmen 113—118 bestehende Lobgesang. Der grössere Teil derselben wird erst nach der Mahlzeit gesungen; vorläufig wird nach der Schule Schammais68) nur der erste Psalm vorgetragen („Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn"), nach der Schule Hilleis69), deren Ansicht für unsere Praxis massgebend ist, auch der folgende Psalm („Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakobs aus dem Barbarenvolke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich"). Hieran schliesst sich passend die Benediktion: „Gelobt seist du, der du uns und unsere Väter aus Mizrajim befreit hast." Diese ursprüngliche Fassung des Segensspruches erweiterte R. Tarfon durch den Zusatz: „und uns diese Nacht erleben liessest, um ungesäuertes Brot und bittere Kräuter zu essen." Sein jüngerer Zeitgenosse aber, R. Akiba, der Märtyrer des Freiheitskampfes, knüpfte an dieses Dankgebet die inbrünstige Bitte: „So lass' uns denn, o Herr, noch andere Feste erleben, beglückt durch den Wiederaufbau deiner Stadt und beseligt durch deinen Dienst, dass wir wieder von den Fest- und Pesachopfern essen, deren Blut die Wand deines Altars berührt hat, und dir aufs neue danken können für unsere Erlösung und die Rettung unserer Seele. Gelobt seist du, der du Israel erlöst hast." Darauf wird der Segen über den zweiten Becher gesprochen, der dem Gefühl für Freiheit und Menschenwürde gilt, das durch die ganze Haggada den Herzen der Kinder eingeimpft, in den Herzen der Erwachsenen erneuert wird, und das am schärfsten in der kurzen Bemerkung zum Ausdruck kommt, welche unsere Weisen an das erste Wort des Hallel knüpfen: „Lobet, ihr Diener des Herrn! Diener des Herrn und nicht Diener Pharaos."70) Der Knecht Gottes kann nicht ein Sklave sein. Nachdem man vom zweiten Becher getrunken, wird dem Familienhaupte wieder wie zu Beginn des Seder das Waschgefäss gereicht, damit er seine Hände wasche. Diesmal aber folgen sämtliche Tischgenossen seinem Beispiele. Vor dem Genuss der rohen Gemüse war die Reinigung der Hände nur ein Gebot der vornehmen Sitte; jetzt dagegen vor dem Genuss des Brotes ist sie eine Forderung des Religionsgesetzes. Sie beruht zwar nur auf rabbinischer Anordnung, wurde aber trotzdem mit grosser Strenge beobachtet. Als einst Jesu der Vorwurf gemacht wurde, dass seine Schüler diese Tradition missachteten, gab er die bekannte Antwort: Nicht was in den Mund hineinkommt, verunreinigt den Menschen, sondern das, was aus dem Munde herauskommt.71) Damit hat er diejenigen aut seine Seite gebracht, die sich durch eine fein zugespitzte Antithese leicht blenden lassen. In Wahrheit ist die Aesthetik ein so gewaltiger Kulturfaktor, dass die Religion durchaus keinen Anlass hat, sich gegen diesen 68) Miscbna P'sachim X 6. 69) Ebenda. 70) M'gilla 14 a. ™) Matth. 15, 11. Bundesgenossen kühl oder gar ablehnend zu verhalten. Das erkannte R. Pinchas ben Jai'r, der den merkwürdigen Ausspruch tat: Reinheit des Körpers führt zur Reinheit der Seele.72) Heute ist das Waschen der Hände vor der Mahlzeit nicht allein ein Gebot der Reinlichkeit, sondern auch eine Forderung der Gesundheitspflege. Wenn trotzdem gegen diese schöne, auch von Griechen und Römern geübte Sitte ein allgemeines Widerstreben sich zeigt, so erklärt sich das aus der Stellung der Evangelien zu dieser Frage. Unsere christlichen Mitbürger kennen ihre Bibel. Dazu kommt, dass Griechen und Römer vom Schauplatz verschwunden und nur die Juden noch als Träger jenes alten Brauches übrig geblieben sind. Man möchte eben nicht den Anschein erwecken, als wollte man jüdische Sitten nachahmen. Dass aber in unserer eigenen Mitte eine tiefe Abneigung gegen das Händewaschen herrscht, das ist eine jener unerfreulichen Erscheinungen des modernen Judentums, die ich nie begreifen konnte und vermutlich auch nie begreifen werde. Ueber die Mazza, die nunmehr verteilt wird, spricht man einen zweifachen Segen, zunächst die gewöhnliche Benediktion über das Brot und dann einen kurzen Dank dafür, dass Gott uns durch seine Gebote geheiligt hat. Diesen Dank wiederholen wir vor dem Genüsse des in Mus getunkten Bitterkrautes. Die übliche Benediktion über die Erdfrucht fällt aus, da sie schon zu Beginn des Seder über eine andere Erdfrucht gesprochen wurde. In der heiligen Stadt wurde jetzt, so lange der Tempel stand, das Fleisch des Pesachopfers herumgereicht, das vor Mitternacht verzehrt sein musste. Im Hause Hilleis ass man, wie bereits erwähnt, dieses Fleisch zusammen mit der Mazza und dem Bitterkraut, und wenn wir heute, nachdem wir der Vorschrift des Gesetzes bereits Genüge geleistet, noch einmal ungesäuertes Brot und Bitterkraut vereint gemessen, wenn Millionen Juden nach nahezu 2000 Jahren noch einen Brauch üben, bloss um dem Vorbild eines Hillel, wenn auch in unvollkommener Weise, so gut es eben geht, zu folgen, so ist das eine grossartige Huldigung, die dem Genius dieses Geistesfürsten gezollt wird, dem das Judentum so unendlich viel verdankt. Nach diesem Akt der Pietät wird das Mahl aufgetragen, das zur Erinnerung an das Fest- und an das Pesachopfer, wie gleichfalls schon erwähnt wurde, mindestens zwei gekochte Speisen bieten muss. Eröffnet wird es mit hartgekochten Eiern, was wieder mit der Trauer um den zerstörten Tempel in Verbindung gebracht wird. Vielleicht ist es aber nur die alte Römersitte, die sich hier erhalten hat, am Anfange jeder grösseren Mahlzeit Eier und am Ende Aepfel zu reichen, woher auch die Redensart stammt: ab ovo usque ad malum vom Ei bis zum Apfel, von A bis Z, wie wir zu sagen pflegen. Am Sederabend bildet 72) Sota IX, Ende.

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