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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 331 - 332

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Der Sederabend
Date
1904-05-01
Page
Seite 331 - 332 (sequence 3)
Language
German
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331 Dr. E. Baneth: Der Sederabend. 332 stolzer Geist hat das unselige Verlangen nach eitlem Glanz. und Ueberfluss mit schmählicher Knechtschaft büssen müssen, das ungezügelte Streben nach falschem Ruhm und Anerkennung mit bitterer Selbstverachtung; Ueppigkeit und Schwelgerei hat schon das Lebensmark der mächtigsten Nationen schnell verzehrt und die entnervten Völker unter das verhasste Joch der Fremdherrschaft gekrümmt. Der wird am besten seine Unabhängigkeit behaupten, der wunschlos durch das Leben geht und nicht sein Herz an Güter hängt, die trügerisch das Dasein schmücken; am längsten wird ein Volk die Freiheit sich bewahren, wenn es, durch keinen Ueberfluss verweichlicht, die härteste Entbehrung leicht erträgt, wenn selbst „das Brot der Armut" es nicht schreckt. So waren Jahrtausende eines kaum erträglichen Druckes nicht imstande, den Juden ein zweites Mal zum Sklaven zu machen, das Gefühl seiner Menschenwürde in seiner Brust zu ersticken; Jahrtausende der Entrechtung und Misshandlung vermochten nicht die Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit aus seinem Herzen zu reissen und die Hoffnung auf eine noch schönere Zukunft aus seinen Träumen zu verbannen. All das Elend und all die Schmach, sie haben ihn nicht erniedrigt. Ihn trug das stolze Bewusstsein seiner inneren Freiheit und sittlichen Ueberlegenheit, die täglich sich erneuende Wahrnehmung, dass er, gejagt und gehetzt gleich einem wilden Tiere, ein reineres Menschentum in sich verkörpere als die Edelsten seiner Verfolger; ihn hob die tief wurzelnde Ueberzeugung. dass er, getreten und gestossen wie ein Hund, mehr sei als die Vornehmsten seiner Verfolger, dass er ein „Königssohn" ist54) und mehr als das — ein Hoher - priester der Kultur. Das Pesach- oder Ueberschreitungsopfer, dessen Fleisch zur Zeit, als der heilige Tempel in Jerusalem noch stand, den wichtigsten Bestandteil des Festmahls bildete, dessen Bedeutung aber auch heute noch, obwohl es längst nicht mehr die Sederschüssel ziert, an diesem Abende zu einem Gegenstande der Erörterung gemacht wird, soll uns nach Rabban Gamliel daran erinnern, dass der Allgütige über die Häuser unserer Väter hinwegschritt, als er die Aegypter schlug. Es ist nicht der blosse Name des Ueberschreitungsopfers, der diese Erinnerung wachruft, es besteht vielmehr ein tieferer, innerer Zusammenhang zwischen Israels Errettung und dem Passah, mit dessen Blute der Eingang zu den Wohnungen gezeichnet wurde, dass es dem Würger wehre, die geweihte Stelle zu betreten55). Um die Bedeutung dieses Blutzeichens würdigen zu können, muss man sich der Worte erinnern, die Mosche wenige Tage früher zu Pharao gesprochen hatte: „Wenn wir den Abgott der Aegypter vor ihren Augen schlachten, 54) Mischna Sabbat XIV 4. 55) 2. B. M. 12, 22—23. werden sie uns da nicht steinigen?1456) Und nun wurde der Befehl erteilt, ein solches Opfer schon am Zehnten des Monats bereit zu halten, um es am Vierzehnten vor aller Augen darzubringen und mit seinem Blute, wie zum Hohne, die Eingangspfosten der Häuser zu bestreichen.57) Es sollte eine Probe auf Israels Glaubensmut sein, eine schwere Prüfung, die unsere Väter ruhmvoll bestanden. Und wie in der ersten Stunde, in der unser Volk auf den Schauplatz der Geschichte k trat, so sollte es auf seinem ferneren Lebensweg noch oft, den drohendsten Gefahren unerschrocken trotzend, seine Treue gegen Gott bewähren; „denn nicht einer allein trat gegen uns auf, um uns zu vernichten, vielmehr haben sie in jedem Geschlechte sich gegen uns erhoben, um uns aufzureiben, aber der Heilige — gelobt sei er — errettet uns aus ihrer Hand".58) Es hat kaum ein Zeitalter gegeben, in welchem nicht verheerende Stürme die Widerstandskraft unseres alten Stammes erprobt hätten; sie haben seine Krone zu Boden geschmettert, seine Zweige und Aeste zerbrochen, seine Blätter und Blüten nach . allen Himmelsrichtungen verweht, aber seine unzerstörbaren Wurzeln konnten sie nicht erschüttern, und diese führten ihm, sowie die Wut des Ungewitters sich erschöpfte, stets neue Lebenskraft und frische Säfte zu, dass er aufs neue sich verjüngte, mit neuem Laub und neuen Blüten nur noch schöner sich, noch reicher schmückte. So steht der alte Stamm noch heute ungebeugt und ungebrochen, ein Rätsel der Geschichte, wie man sagt, ein Rätsel aber nur für den, der das Judentum nicht kennt. „Bedamäjich chaji", das ist mit zwei Worten die Lösung des wunderbaren Rätsels: „In deinem Blute sollst du leben!" In der todesmutigen Hingabe an unsern Glauben liegt das Geheimnis unserer unverwüstlichen Lebenskraft, in der Bereitwilligkeit, jederzeit für unseren Gott zu sterben, die Gewähr für unsere Unsterblichkeit. In deinem Blute sollst du leben — dieses Wort des Propheten Jecheskel,59) das schon in alter Zeit auf das Pesachopfer bezogen wurde,60) es enthüllt uns in seiner lapidaren Kürze am klarsten die Bedeutung des Ueberschreitungsopfers, seine ernste Mahnung und seine herrliche Verheissung. Das Bitterkraut endlich erinnert nach Rabban Gamliel an die harte Arbeit, durch welche die Aegypter erbarmungslos das Leben unserer Väter verbitterten. Pharao wollte durch dieses despotische Mittel das beängstigende Wachstum des mehr und mehr erstarkenden Volkes hemmen 61), erreichte aber das Gegenteil. Je mehr es gepeinigt wurde, desto kraftvoller entwickelte es sich, desto mehr nahm es an Bedeutung 56) Das. 8, 22. 57) Das. 12, 3—7 58j Haggada, Ende der Einleitung. 59) 16, 6. 6oJ S. Targum z. St. und M'chilta zu 2. B. M. 12, 6 die Bemerkung des R. Matia b. Charasch (2. Jahrh.). 61) 2. B. M. 1, 10—11.

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