Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Der Sederabend
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 329 - 330 (sequence 2)
- Language
- German
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329 Dr. E. Baneth: Der Sederabend. 330 Fragen zu stellen. Es hat volle Freiheit, über alles, was mit der Geschichte und der Feier des Pesachfestes zusammenhängt, vom Vater Aufschluss zu erbitten; in vielen Häusern werden solche Fragen förmlich aus den Kleinen herausgelockt und ausführlich beantwortet, meistens aber begnügt das Kind sich mit den herkömmlichen Fragen, die es in der Schule gelernt hat. In der Mischna43) haben dieselben folgenden Wortlaut: „Was ist diese Nacht anders als alle Nächte? Sonst essen wir nur einmal Eingetunktes, heute zweimal; sonst essen wir gesäuertes und ungesäuertes Brot, heute nur ungesäuertes; sonst essen wir gebratenes, gekochtes und gesottenes Fleisch, heute nur gebratenes." Die Fragen beziehen sich offenbar auf die Bedeutung der drei für diesen Abend in der Tora44) gegebenen Vorschriften, auf den Genuss des Bitterkrautes, der Mazza und des Pesachopfers. Die letzte Frage wird, seit der heilige Tempel zerstört ist und die Opfer aufgehört haben, selbstverständlich weggelassen. Die erste Frage erhielt später in Babylonien, wo rohe Gemüse, wie bereits erwähnt, nicht regelmässig bei jeder Mahlzeit wiederkehrten, die noch heute geltende Fassung: „Sonst essen wir überhaupt nichts Eingetunktes, und heute gar zweimal!" Da man im Mittelalter die Beziehung dieser Frage auf das Bitterkraut nicht mehr verstand, schob man, um die vermeintliche Lücke auszufüllen, die Worte ein: „Sonst essen wir andere Kräuter, diesmal Bitterkraut." Als ob sonst niemals Salat oder Meerrettig auf den Tisch käme! Aus derselben Zeit stammt auch die Frage: „Sonst essen wir teils sitzend, teils liegend, heute nur liegend." Während aber von diesem Zusatz die Mischna wenigstens verschont blieb, ist es jenem schon zur Zeit der Tosafot45) geglückt, sich in den Abschriften des Talmud einzubürgern und zu behaupten. In seiner Antwort gibt das Familienhaupt in der Muttersprache eine dem Verständnis und der Fassungskraft des Kindes angepasste Darstellung von der schimpflichen Sklaverei in Mizrajim und von der wunderbaren Befreiung, von der Erwählung Israels und der Bedeutung all der Symbole, die das Festmahl auszeichnen. Dann wird die Haggada vorgetragen, übersetzt und besprochen. Die Haggada oder Erzählung setzt sich aus verschiedenen sehr alten Midraschim zusammen, die zum grössten Teil der M'chilta und den Sifre entlehnt sind. Den Kern bildet die Auslegung folgender Verse46) aus dem fünften Buche der Tora: „Ein verlorener Aramite war mein Vater, er ging nach Aegypten und weilte dort mit wenig Angehörigen, ward aber daselbst zu einem grossen, starken und zahlreichen Volke. Die Aegypter misshandelten und peinigten uns, indem sie uns harte Knechtschaft auferlegten. Da wir zum Ewigen, dem Gotte unserer Väter schrieen, hörte der Herr unsere Stimme und 43) P'sachim X 4. 44) 2. B. M. 12, 8; 4. B. M. 9, 11. 45j S. P'sachim 116a u. d. W. Halajla. 46) 26,5—8. sah unsere Not, unser Elend und unsere Bedrängnis. Und der Ewige führte uns aus Mizrajim mit starker Hand und ausgestrecktem Arm unter gewaltigen Schrecknissen, Zeichen und Wundern." Hier werden die zehn Plagen aufgezählt, und es ist eine, wenn auch verhältnismässig nicht sehr alte, so doch weitverbreitete Sitte, bei jeder Plage einen Tropfen aus dem Becher zu entfernen. Mir wurde, als ich noch ein Knabe war, der seltsame Brauch damit erkläit, dass der Wein das Symbol der Freude ist, durch jede Plage aber, die unsere Peiniger unseretwegen erleiden mussten, die Freude über die eigene Befreiung vermindert wird. Ob diese Erklärung auf historische Wahrheit Anspruch machen darf, mag dahingestellt bleiben, die poetische Wahrheit muss man ihr entschieden zuerkennen, denn sie atmet durchaus den Geist des Judentums. Schon im Midrasch47) wird in ähnlicher Weise die Vorschrift begründet, dass an den letzten Tagen des Pesachfestes nur „Halbhallel"48) gesagt wird. Wir können eben kein volles Danklied anstimmen für die Rettung unseres Volkes, die so teuer mit dem Untergange der Verfolger im Roten Meere erkauft wurde. Den Schluss der Haggada bildet eine der Mischna49) entlehnte Betrachtung von Rabban Gamliel, dem Enkel Hillels, über die Bedeutung der drei Symbole: Pesachopfer, ungesäuertes Brot und Bitterkraut. Die Lesarten schwanken hier ein wenig, und man kann nicht behaupten, dass die Haggada gerade die besten adoptiert hätte. So wird z.B. das Gebot der Mazza damit begründet, dass unsere Väter in Aegypten nicht mehr die Müsse hatten, ihren Teig gären zu lassen, als der König der Könige, der Heilige — gelobt sei er — sich ihnen offenbarte, um sie zu erlösen. Da aber auch ihnen befohlen war, in der Stunde der Befreiung ungesäuertes Brot zu essen,50) und dieses Gebot ihnen mehrere Tage vorher schon mitgeteilt wurde,51) ist jene Begründung nicht stichhaltig. In der Mischna sagt Rabban Gamliel:52) „Die Mazza essen wir, weil unsere Väter aus Mizrajim erlöst wurden", und es scheint, dass er mit Vorbedacht dies Symbol mit der blossen Tatsache der Erlösung und nicht mit ihrem plötzlichen Eintritt in Verbindung bringt. Das ungesäuerte Brot, das wegen seiner Reizlosigkeit und seines Mangels an jeglicher Würze in der Tora53) als „Brot der Armut" bezeichnet wird, sollte nämlich unseren Vätern und allen folgenden Geschlechtern den Gedanken zum Bewusstsein bringen, dass die edle Blume der Freiheit am schönsten auf den kahlen Höhen der Entsagung, am reinsten auf dem rauhen Felsen der Bedürfnislosigkeit gedeiht, in den Niederungen des Genusses aber bald verwelkt. Manch «) s. Bet Josef I 490. 48) Psalm 113—118 mit Weglassuug der ersten 11 Verse in den beiden mittleren Psalmen. 49) P'sachim X 5. 50) 2. B. M. 12, 8. 51) Das. 12, 2 52) P'sachim X 5. 53) 5. B. M. 16, 3.