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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 327 - 328

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Der Sederabend
Date
1904-05-01
Page
Seite 327 - 328 (sequence 1)
Language
German
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327 328 DER SEDERABERD. Von Dr. E. Baneth. (Schluss.) Heutzutage werden die als Vorkost dienenden Kräuter (gewöhnlich nimmt man rohe Petersilie) nicht mehr für sich allein auf den Tisch gebracht, sondern zugleich mit dem Bitterkraut und der Mazza aufgetragen. Schon Maimonides37) kennt es nicht anders38). Gleichwohl widerspricht diese Anordnung dem klaren Wortlaut der Mischna und noch mehr, wie wir gesehen haben, dem Zweck der ganzen Vorschrift. Warum lässt man denn nun die Kleinen erst beim zweiten Becher, nachdem sie von der Petersilie bereits gegessen haben, ihre Fragen stellen, und nicht vorher schon, sobald die Schüssel mit all den schönen Dingen, nach deren Bedeutung sie sich erkundigen sollen, auf die Tafel gesetzt ist? Es wäre sehr zu empfebhn, dass man zur alten Sitte zurückkehre, indem man genau nach der Anordnung der Mischna, wie sie noch in dem Gebetbuche des Gaon R. Amram39) scharf zum Ausdruck kommt, zunächst die zum Gustus bestimmten Kräuter nebst dem Salzwasser aliein auf den Tisch bringt, und erst, wenn diese abgeräumt sind, die Sederschüssel auf die Festtafel setzt. Noch besser ist es, beide Gänge auf einem transportablen Tischchen, wie es sich in jedem Haushalt findet, hintereinander aufzutragen. Die Sederschüssel besteht aus drei Fächern, deren jedes zur Aufnahme einer Mazza bestimmt ist. Auf die oberste Platte legt man in zwei Gefässen das Bitterkraut (Lattich oder Kopfsalat) und ein aus Datteln oder Aepfeln und Nüssen mit Wein bereitetes Mus, ferner ein gebratenes Stück Fleisch und eingekochtes oder gebratenes Ei. Das Mus hat den Zweck, die Schärfe des Bitterkrautes zu mildern, soll aber auch in Farbe und Aussehen an den Lehm erinnern, aus welchem unsere Väter die Ziegel zu den Bauten des Pharao herstellen mussten40). Um auch das gehackte Stroh zu veranschaulichen, das dem Lehm beigemischt wurde, und dessen Beschaffung das Los der Unglücklichen in den letzten Tagen ihrer Leidenszeit schier unerträglich machte41), werden dem Mus auch einige Gewürzfasern, meist ungestossener Zimmet, beigemengt. Das gebratene Fleisch erinnert an das Pesachopfer, das Ei an das Festopfer. Man wählt ein Ei zum Zeichen der Trauer; denn der heilige Tempel, in dem die Opfer dargebracht wurden, er liegt in Schutt und Asche, und der Tag, an dem er zerstört wurde, der 9. Ab, er fällt immer auf denselben Wochentag wie der erste Tag des Pesachfestes. Das Ei aber ist bei den Juden das Symbol der Trauer. So die allgemeine, obschon nur 37) 12. Jahrhundert. 38) S. Mischne Tora III, Ueber Gesäuertes und Ungesäuertes VIII 1. 39) 9. Jahrhundert. 40) 2. B. M. 1, 14. 41) das 5, 6—9. schwach begründete Annahme. Ich meine dagegen, dass es vielmehr das Symbol der Auferstehung ist. In seinem Innern schlummert ein geheimnisvoller Keim, der nur der Wärme bedarf, um zu neuem Leben zu erwachen. Darum wird bei uns den Leidtragenden als erste Nahrung nach der Rückkehr vom „Hause des Lebens" ein Ei gereicht; darum wird auch auf die Sederschüssel ein Ei getan. Wir sind überzeugt, dass aus den Trümmern des alten Tempels ein neues Heiligtum sich einst erheben wird, in grösserer Pracht und ewiger Herrlichkeit, ein Gotteshaus für alle Völker. Nachdem der Hausherr die mittlere Mazza in mehrere Teile zerbrochen, erhebt er sich von seinem Platze, die Hausfrau folgt seinem Beispiele, und beide heben nun die Sederschüssel in die Höhe mit den Worten: „Das ist das armselige Brot, das unsere Vorfahren im Lande Mizrajim assen. Jeder Hungrige komme und esse, jeder Dürftige komme und feiere mit uns das Pesachfest." Sie nennen die Mazza ein armseliges Brot, weil sie bloss aus Mehl und Wasser ohne jede Zutat und ohne jedes Gewürz, selbst ohne Salz bereitet wird, oder weil man sie in Stücke zerbrochen hat, wie sie dem Bettler gereicht werden, der selten das Glück hat, ein ganzes Brot zu bekommen. Die Einladung an die Armen und Hungrigen weckt in uns die wehmütige Erinnerung an eine der schönsten Tugenden des Altertums, die uns leider abhanden gekommen. Nicht allein im Morgenlande, wo sie noch heute herrscht, sondern auch in Hellas und in Rom war die Gastfreundschaft in alten Zeiten heimisch. Wer ein Festmahl gab, lud seine Freunde zur Teilnahme ein, und diese durften wieder ihre Freunde und Bekannten mitbringen. Solch ungebetene Gäste im Gefolge der eingeladenen nannte man Schatten. Auch nahm man es nicht übel, wenn jemand aus eigenem Antriebe zu einem Gelage erschien. In Jerusalem war es Brauch, dass der Gastgeber einen Teppich über dem Eingang seines Hauses anbringen Hess. Solange der Teppich aussen sichtbar blieb, war innen jedermann willkommen; wurde der Teppich entfernt, so war das ein Wink, dass Gäste fürder nicht erwünscht sind42). Am Sederabend sind wir der alten Tugend treu geblieben. Ist auch die Aufforderung: „jeder Hungrige esse mit uns", nicht wörtlich zu nehmen, so gibt es doch da, wo jüdisches Leben noch kräftig pulsiert,, kaum eine Familie, die nicht den Wunsch, ja das Bedürfnis hätte, in dieser Nacht einen Gast oder auch mehrere an ihrer Tafel zu sehen. Sind die Gläser zum zweiten Male geiülli, ergeht an eines der jüngeren Kinder die Aufforderung, seine «) Tosefta B'rachot IV 9.

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