Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Käthe Münzer
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Lothar Brieger-Wasservogel: Käthe Münzer. 310 m s^^^f. KÄTHE MÜNZER. HOLLAND. FISCHER. (Bleistiftskizze.) wahren. Dabei Hess sich naturgemäss ein schwerer Fehler nicht vermeiden: Es gelang der Künstlerin nicht immer, diese ihre Liebe hinter dem Inhaltlichen zu verbergen. Ein kraftvolles Selbstbewusstsein talentvoller Eigenart ist an sich gewiss nicht zu tadeln. Nur darf es nicht zum Selbstzweck werden, zum l'art pour l'art ausarten. Sonst wird es Manie, ermüdende Wiederholung. Es ist ein Zeichen für Käthe Münzers Begabung, dass es ihr gelang, über diese gefährliche Klippe ziemlich heil hinwegzukommen. In ihrem Wertlegen auf die zeichnerische Technik spricht übrigens ihr Judentum recht deutlich zu uns. Betrachten wir das, was uns heute von der Kunst des Altertums und des Ghetto bereits bekannt ist, eingehender, so verblüfft eine auffallende Vernachlässigung der Farbe zugunsten der Linie. Selbst die Gestaltung des Buchstabens wird nach seinem Inhalte zu modeln versucht. Denn — seltsam genug für Orientalen — wir sind von Hause aus kein farbenfreudiges Volk. Vielleicht hat der Gedanke zu schwer auf uns gedrückt. Ihm entspricht die Linie, während die Farbe mehr Gefühlsäusserung zu sein scheint. Und wir waren Grübler. Das jüdische Denken ging in der Liniensprache unserer geschriebenen Bücher oft seltsame und wunderherrliche Wege, Wege von so einsamer Schönheit, dass sie seither keines anderen Fuss zu betreten vermochte. Erst das Neujudentum fand sich seine Farbe. Im Zionismus, wenn er künstlerisch das bedeutet, als was ich ihn zu fühlen glaube, wird ein Jauchzen der Farbe sein, über das unsere Ahnen staunen würden." Hier haben wir ja schon in Lesser Ury einen grossen Vollender. Kein Arier der heutigen Zeit hat solche aristokratische Herrenmacht über das Seelenleben der Farbe. Und hier ist Käthe Münzer durch und durch eine Jüdin unserer Zeit, eine selten typische Erscheinung in dem Wege, welcher sie von der Linie zur Farbe führte. Es liegt etwas in ihr von der ganzen grossen Umwandlung einer Rasse. Hier ist vielleicht der Platz, noch einmal zu betonen, dass man das Judentum eines Künstlers durchaus nicht an seinen Stoffen erkennt, sondern am Wesentlichen seiner Kunst. So beschaffen ist die Psychologie der Mittel. Die Seele des Künstlers gibt sich nur selten im Gegenstand, aber man findet sie stets in seinen Linien und seinen Farben. Es sei mir gestattet, hier noch kurz den Weg zu beschreiben, welchen Käthe Münzer ging. Es war ihr die grosse Erkenntnis geworden, dass sich vermittels der reinen Linie alles am prägnantesten ausdrücken lässt, Ruhe und Sturm in der Landschaft, wie Freude und Schmerz, Sorglosigkeit und Mühsal in Menschenantlitz und Menschengestalt. Sie hat diese Erkenntnis nicht unausgenutzt gelassen. Es ist zu begreifen, dass eine völlige Vernachlässigung der Farbe davon die Folge sein musste. Man hat so vor den Bildern der ersten Periode den Eindruck, als hätte die Zeichnerin nur ungern zur Farbe gegriffen, sie als notwendiges Uebel betrachtend, das man zwar benutzen, dessen Benutzung aber nie in Freude daran ausarten darf. Diese altjüdische Verachtung trug denn auch die Früchte, die sie notwendigerweise tragen musste. Die ersten Bilder, so man auf den Ausstellungen von ihr zu Gesicht bekam, wiesen bei völlig einwandfreier Zeichnung ein elendesKolorit auf. Das war der Punkt, wo ihre Selbstkritik und Selbsterziehung einsetzt. Machten die ersten Bilder den Eindruck, als sei der Pinsel, mit dem sie gemalt wurden, nicht ordentlich ausgewischt gewesen, so haben gerade hier die letzten Jahre eine KÄTHE MÜNZER. HOLLAND. FISCHER. ganz ausser- (tfach einem Aquarell.)