Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 303 - 304

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
Date
1904-05-01
Page
Seite 303 - 304 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583924-2590117--03889-2590200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

303 A. Coralnik: Das jüdische Kultur-Problem und die Moderne. 304 eigenen Kultur und „jede Zivilisation ist ökonomischen Ursprungs", und auch sozialen. . . . Bedeutet aber der „jüdische Einschlag" bloss eine gewisse Einwirkung, eine leise Beeinflussung der nationalen Kulturen durch den jüdischen Geist und durch die jüdische Art, dann kommt er für das jüdische Volk nicht in Betracht und kann auch nicht als jüdische Kultur bewertet werden. Heines Lyrik hat gewiss einen hohen Prozentsatz jüdischer Art in sich, ist aber deshalb noch nicht ein Bestandteil der jüdischen Kultur. Ebensowenig Meyerbeer und Israels, Steinthal und Hermann Cohen. Denn eine Kultur muss einheitlich und aus einem Gusse sein, also frei und selbständig. — — — Es wird gewiss viele geben, und speziell unter den national gesinnten Juden im Osten und im "Westen, die die ganze Frage und die daran geknüpften Erörterungen für ein müssiges Gedankenspiel halten werden. Es gibt ja viele Zionisten, die die jüdische Kultur überhaupt nicht anerkennen wollen, ihre Existenz in Abrede stellen. Aber diejenigen, welche die politischen und wirtschaftlichen Gründe als die einzig berechtigten Motive unserer nationalen Bewegung anerkennen wollen, sehen nicht ein, dass sie durch diese Einschränkung den Lebensnerv der jüdischen Bewegung unterbinden, ihr die Grundlage entziehen. Denn jede Bewegung, mag sie aus diesen oder jenen Gründen entstanden sein, mag sie rein materiellen, ökonomischen Ursprungs sein, muss eine Kulturbewegung werden. Jede Bewegung muss auch ihre ideologische Begründung haben. Wenn dies nicht der Fall ist, dann hört sie auf, dem menschlichen Geiste, am meisten dem anspruchsvolleren, feiner entwickelten Gemüt der Kulturmenschen, volle Befriedigung zu gewähren. Dann entsteht eine innere Spaltung, und die Einheitlichkeit, dieser Grundpfeiler einer jeden Bewegung, wird zerstört. Wir sehen ja dieselbe Erscheinung auch im Sozialismus. Ist denn nicht der Revisionismus im Grunde genommen eine Auflehnung des modernen zur Allseitigkeit strebenden Geistes gegen die Enge und die ausschliesslich materielle Deutung des sozialistischen Ideals? Und wenn noch das Ideal so stark und mächtig ist, wie es das sozialistische ist, um allen Stürmen und Spaltungen standzuhalten, dann kann die Disharmonie die Entwicklung, die Verwirklichung des Ideals nur aufo' o halten, teilweise hemmen, nicht aber unmöglich machen. Das ist beim jüdisch-nationalen Ideale aber nicht der Fall. Denn wenn wir dasselbe von dem doktrinären Gesichtspunkte, von dem programmatischen aus betrachten, dann erscheint es zu eng, zu unbefriedigend. Können denn je ökonomische und wirtschaftliche ^Gründe allein zur nationalen Idee führen? Ist in ihnen denn das Element des Nationalismus implizite enthalten? Und wenn die Verwirklichung des nationalen Ideals nicht zugleich eine Lösung der wirtschaftlichen Judenfrage herbeiführen sollte, was dann? Wirtschaftliche Fragen können durch ökonomische Mittel gelöst werden, es führt von ihnen keine Brücke zum Nationalismus. Es ist wahr, dass die Juden sich wirtschaftlich emanzipieren, ökonomisch selbständig werden müssen, es ist wahr, dass die soziale Lage im Osten Europas eine derart prekäre ist, dass sie eine radikale Aenderung erfahren muss, dies alles hat aber entweder nichts mit der Wiedergeburt des ganzen Volkes zu schaffen, oder birgt schon in sich die scheinbar inkonsequente Beantwortung auf dem Wege der nationalen Idee einen versteckten Gedanken von der Notwendigkeit der selbständigen nationaljüdischen Existenz, ohne Rücksicht auf die jeweilige politisch-soziale Lage in der Diaspora, eine nationale Existenz unter den besten Verhältnissen in Europa quand meme. Und dieses einzige innere, tiefe Motiv, dasjenige, das mit seinen tiefen Wurzeln in der Vergangenheit steckt, das befruchtende, bewegende, ist der Kulturgedanke. Nicht etwa, wie ihn die deutschen Rabbiner aufgefasst haben, als ob die Juden irgend welche Mission unter den Völkern zu erfüllen hätten, eine Mission, die der modernen Weltanschauung direkt zuwiderläuft; nein, nicht dieses lächerliche Hirngespinst der Pfaffen und der Halb- und Viertel-Menschen, meine ich, sondern das Bewusstsein einer eigenen, zur Betätigung strebenden, schaffensfreudigen, tatenlustigen Individualität. Ein mächtiges Ahnen, ein unartikulierter Ausdruck dieses Gefühls war in seinen Anfängen des Chassidismus. Aber die moderne Zeit hat auch einen modernen Ausdruck für dieses Gefühl, dieses Bewusstsein gefunden, und das ist die nationale Idee. Und deshalb stehe ich auf dem Standpunkte Achad-Haams, dass die Kulturidee die Grundidee der nationalen Bewegung ist und sein muss. Die Grundidee, der Unterbau, aber noch nicht alles. Man darf nicht darüber die politisch-soziale Seite der Frage vergessen, denn beide — Kultur und freie nationale Existenz auf eigenem Boden — stehen zu einander in einem wechselseitigen Verhältnis. Sie sind einander zugleich Ursache und Folge. Ohne nationale Kultur — keine nationale Existenz; ohne freies nationales Leben — keine Kultur. Es ist wahr, man kann dem Leben keine Regeln vorschreiben, man kann einer Bewegung nicht den Weg vorausbestimmen, man kann nicht einmal mit Genauigkeit ihre wahrscheinliche Bahn vorausberechnen, denn eine soziale Bewegung ist zu sehr kompliziert, dass man sich alle ihre Elemente vergegenwärtigen, sie in ein wohlgeordnetes System zusammenfassen könnte. Und die Theorie ist doch nur ein Produkt der tatsächlich vorhandenen Verhältnisse. Ich glaube deshalb nicht, dass diese oder jene Theorie den Gang der jüdischen nationalen Bewegung wesentlich modifizieren oder beeinflussen könnte. Aber eine innerliche, erzieherische Wirkung muss die Theorie ausüben, eine bildende. Und wenn in der Gegenwart ein Bruch durch das ganze Judentum geht, wenn alle besten Köpfe und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.