Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 9)
- Language
- German
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A. Coralnik: Das jüdische Kultur-Problem und die Moderne. 306 Kräfte unseres Volkes in innerlicher Zerrissenheit, in ewiger Unruhe, in einer unstillbaren Sehnsucht sicli verzehren, ohne das vollenden zu können, was ihnen gegeben ist, wenn also im Herzen des national denkenden und fühlenden Juden ein Zweifel sich erhebt, ein Zweifel, der manchmal zur Verzweiflung an der ganzen Idee treibt, wenn, sage ich, die Wirklichkeit und die Theorie, das Leben und das Ideal auseinandergehen, einander negieren, dann ist eine erfrischende,; weckende, anspornende Idee nötig. Und wie sich höhere Menschen nach der Erkenntnis sehnen, wie unsere Moderne nach dem Erfassen des „Sinnes des Lebens" ringt, um das Leben wertvoll zu finden, so muss auch jede Bewegung einen höheren Sinn bekommen, um den höheren Menschen zu befriedigen. Und dieser höhere Sinn, den wir suchen und den wir zu finden hoffen, ist die moderne jüdische Kultur, das Judentum der Zukunft. ... Vielleicht ist es eine Idee, die nicht realisiert werden kann. Aber muss sie es? Ist doch nicht das Endziel die Hauptsache, sondern der Weg zum Ziele! Ob je die jüdische Kultur das erfüllen wird, was wir von ihr erwarten, ob wir je neue, ungeahnte Kulturmöglichkeiten schaffen werden, ob wir je jüdische Michelangelos und jüdische Goethes haben werden, das ist eine Frage der Zukunft. Das Streben danach, die Heranbildung, Höherbildung des jüdischen Volkes, die Züchtung eines höheren Typus der Juden — das ist unsere Aufgabe für die Gegenwart, das soll unsere Arbeit, unser Programm sein. Und' dieses Programm, wenn man eine mächtige Lebensströmung in ein Programm hineinzwängen kann, wird weit genug sein, um alle Richtungen und Betätigungen in sich aufzunehmen. Der Weg ist weit und schwer, führt aber zu einer höheren Zukunft, zu einem grossen Ziele. Per aspra ad astra. . . . KÄTHE MÜNZER. Von Lothar Brieger-Wasservogel. Seit einigen Jahren erst hat Käthe Münzer die Aufmerksamkeit der kunstliebenden Kreise auf sich gelenkt. Ein Wanderer besteigt einen steilen Berg auf einem ungewohnten und nicht ungefährlichen Pfade. Rechts und links auf den bequemen Wegen steht die Mittelmässigkeit und warnt ihn vor den Gefahren, denen er sich aussetzt. Er aber schliesst die Augen, schüttelt den Kopf und — kommt schliesslich prustend und lachend am Gipfel an, während die anderen just die Hälfte ihres Weges zurückgelegt haben. Das Bild passt recht auf Käthe Münzer. Es hat ihr nie an wohlwollenden Ratgebern gefehlt, und sie denkt nicht ohne leise Schadenfreude an sie zurück. Ihre Technik wurde unter die Lupe genommen, die verschiedenen Fächer der Malerei durchgegangen, für die sie Talent haben sollte, wobei merkwürdigerweise keiner mit der Meinung des Anderen übereinstimmte. Und die junge Malerin tat das Allergescheiteste. Sie hörte auf all das nicht mehr als notwendig und ging mit selbstsicherer Ruhe den Weg, den sie innerlich als den ihrigen fühlte. Käthe Münzer besitzt den Blick für das Wesentliche, ohne den eine Vollkunst nicht denkbar ist. Wie fast alle jüdischen Künstler unserer Zeit gehört sie dem modernen Natuialismus an. Aber sie hütet sich davor, Doktrinärin zu werden, den Wert des Details zu überschätzen. Es ist der grosse Gesamteindruck, auf den sie ausgeht, und mit dem scharfen Auge des geborenen Künstlers ündet sie am Modell das heraus, was ihr zur Erreichung dieses Zweckes notwendig ist. Ihre Bilder, sogar ihre schwächeren, überraschen beim ersten Blick durch die Vermeidung alles Ueberüüssigen, den Beschauer an gesammelter Betrachtung Hindernden. Dabei ist durchaus nicht etwa an eine primitive Kunst zu denken, sondern nur an eine Kunst, in der ein vornehmer und ruhiger Geschmack von vornherein das reine Experiment, zeichnerisch oder koloristisch, ausschliesst. Eine unleugbar bedeutende technische Begabung überwindet die Schwierigkeiten in scheinbar so spielender Weise, dass es auch dem Laien stark auffällt. Dazu kommt eine strenge Selbstkritik, die beinahe etwas Peinigendes an sich hat. Es ist eine alte, gute Regel, dass derjenige am weitesten kommt, der sich selber das Wenigste vergibt. Die Kunst unserer Malerin ist von Hause aus eigentlich keine der Farbe, sondern eine der Zeichnung. Diese Hochschätzung ist ja überhaupt eines der erfreulichsten Momente unseres modernen Kunstschaffens. Es ist daher nur zu loben, wenn sich Fräulein Münzer keinen überflüssigen Gefühlen hingibt, sondern ihre Kunst einfach als rein technisches Problem fasst, als ein Analogon zum menschlichen Körper, dessen Knochengerüst die Zeichnung bedeutet. Natürlich sind auch in dieser Auffassung, wie in allen Auffassungen, starke Wandlungen deutlich erkennbar. Mancher Leser wird die Künstlerin noch als eine der eifrigsten Mitarbeiter am selig entschlafenen „Narrenschiff" im Gedächtnis haben oder sich an ihre Arbeiten für die „Jugend", die „Lustige Blätterund andere beliebte Zeitschriften erinnern. In diesen Blättern verführt sie eine ausserordentliche Herrschaft über die zeichnerische Technik zum Uebermute, zu einem nicht immer streng motivierten Spiele mit der Linie. Man wird leicht an Beardslev erinnert — das soll selbstverständlich kein