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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 301 - 302

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
Date
1904-05-01
Page
Seite 301 - 302 (sequence 7)
Language
German
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301 A. Coralnik: Das jüdische Kultur-Problem und die Moderne. 302 wisse, dass Glaube und Zweifel ein Einziges ist. Das Wesen deiner Welt nur brauchst du zu erkennen, und du trägst in deiner Hand die Fackel, wTelche hineinleuchtet in die Finsternis, die dich noch umgibt . . . Das Leben deiner Menschlichkeit hast du dir enthüllt, nun bist du Meister deines Lebens geworden und du weisst alles, wie der Buddah und der Christus. Nicht fertig bist du nun mit deiner Kunst, sondern erst jetzt warst du in voller Schaffensfreude Werk auf Werk gebären, Werke der Klarheit, nicht mehr solche des Sturmes und Dranges." . . . Jenseits von Gut und Böse, heisst das sittliche Ideal der Moderne, Relativismus ihr erkenntnistheoretisches. Ihr Weltbild ist ein energetisches, eine in ewigem Flusse befindende, nie standhaltende Welt! Diese moderne Weltanschauung, die sich immer mehr und mehr in dem Bewusstsein der Menschen einbürgert, wird alle alten Kulturen und Weltanschauungen und Religionen schonungslos umstürzen, über Bord werfen. Und auch das Judentum, als eine der modernen fremde Kultur, als eine ihr entgegengesetzte, sie negierende Weltanschauung, wird seinem Schicksale nicht entgehen. Alle Versöhnungsmittel werden nichts fruchten, wie auch die Versuche, das Judentum mit anderen Weltanschauungen zu hybridisieren, misslungen sind. So scheiterte Philos Versuch, das Judentum zu platonisieren, Maimonides und Ibn Esras dasselbe mit Aristoteles und den Neoplatonikern in Verbindung zu setzen; noch kläglicher waren die verzweifelten Versuche der Neueren, das Judentum der Zeitphilosophie anzubequemen. Wenn wir aber andererseits unter dem Worte Judentum das verstehen, was eigentlich seine Wesenheit ausmacht — den Geist, die psychische Grundlage des Judentums, dann müssen wir die Frage: „Judentum versus Moderne" mit einem entschiedenen Nein beantworten. Denn das Judentum ist gerade mehr als alle anderen Kulturen befähigt, die Moderne in sich aufzunehmen, in sich zu assimilieren, sie fruchtbar zu gestalten. Aber ein Judentum, das den starren Dogmatismus abgeschüttelt, ein Judentum, welches nicht dem Buchstaben und der Tradition huldigt, ein Judentum, welches das Judentum überwunden hat. Das grundlegende Element der jüdischen Kultur, das Individuell-impulsive-, kann erst fritz CHRIST. jetzt inmitten einer Welt, welche in den Banden der Gesellschaft, die dem Individuum Fesseln anlegt, liegt, in einer Welt, welche den stürmischen Impuls nötig hat, um sich höher zu entwickeln, zur vollen Geltung gelangen, hat erst jetzt die eigentliche Möglichkeit sich zu entwickeln. Und nachdem der jüdische Geist von den Elementen der übrigen Kulturen befruchtet wurde, nachdem er, der der ganzen Welt und allen Einflüssen ausgesetzt, eine ganze Welt in sich vereinigt und verschmolzen hat, wird er erst jetzt die Möglichkeit erlangen, sein Wort zu sagen, das neue schöpferische Wort. Das Hellenentum ist gestorben, und ist blos eine Etappe in der Geistesgeschichte der Menschheit — das alte Judentum ist gestorben, aber aus seiner Asche tritt ein verjüngtes Judentum hervor, ein grösseres, ein zukunftsreicheres. Und das wird nicht eine Religion, nicht eine einseitige Geistesrichtung sein, sondern eine moderne, allseitige, nimmer rastende Fortschrittskultur, eine allumfassende Weltauffassung in jüdischer Beleuchtung und in jüdischer Gestaltung. . . . Ich habe eine Voraussetzung vorangeschickt, die der Freiheit. Unabhängigkeit des jüdischen Volkes. Und diese Bedingung ist eine sine qua non. Denn eine gesunde Kultur erfordert auch eine geregelte Zivilisation, einen normalen materiellen Zustand, eine einheitliche Sprache, innere und auch äussere Freiheit. Ein Knecht kann sich nicht zur Herrenmoral bekennen. Und dies möge denen gesagt sein, die von einer jüdischen Kultur in der Diaspora, von einem jüdischen,,Einschlag" in der Kultur sprechen, ohne eine selbständige Existenz der Juden zu postulieren. Ein jüdischer Einschlag ist unter solchen Umständen entweder unmöglich oder hat keine Bedeutung. Denn soll dieser jüdische Einschlag in der allgemeinmenschlichen Kultur, oder vielmehr, wie es die Umstände mit sich bringen werden, in der der Nationen, unter denen die Juden leben, der Ausbildung einer wirklich originellen, rein jüdisch nuancierten Kultur gleichbedeutend sein, dann ist das Zustandekommen dieser Kultur eine Sache der Unmöglichkeit. Die Störungen und Hemmungen, von denen am Eingange dieser Betrachtungen gesprochen w7urde, sind zu gross, und die Macht der Verhältnisse zu zwingend. Ist doch die Zivili- JUDITH. sation die Vorbedingung der

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