Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 299 - 300

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
Date
1904-05-01
Page
Seite 299 - 300 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583924-2590117--03887-2590198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

A. Coralnik: Das jüdische Kultur-Problem und die Moderne. 300 sagen wir, und diese setzen einen starken, überwältigenden Willen voraus. Einen Willen zum Leben, einen Willen, der stärker ist als der Verstand, einen Willen, der ein stark individuelles Gepräge der ganzen Persönlichkeit verleiht. Und darum ist der jüdische philosophische Gedanke so jäh, so unlogisch rasch, weil er weniger ein Ausfluss der denkenden als der wollenden Persönlichkeit ist. Der Jude, der kein feiner Denker und Unterscheider war, der impulsiv handelte und ebenso dachte, musste sich auch demgemäss ein Weltbild konstruieren, an dessen Spitze er einen hypostasierten Willen stellte — Gott. Die späteren jüdischen Denker haben diese ihre Eigenschaft, diesen Volkszug, erfasst. Sie stellten Israel als den ethischen Faktor der menschlichen Geschichte, und sogar noch mehr als diesen, als den Hauptzweck des Lebens des Weltalls hin. Die ganze Welt sei erschaffen worden, bloss damit Israel die Offenbarung derThora empfange; „die ganze Welt hat nicht die Bedeutung eines einzigen Wortes der Thora", „Wie eine Taube ist Israel — es ist das Sühneopfer für alle Völker". Das war die Selbstauffassung, die Selbstbewertung der führenden Geister des jüdischen Volkes. Es ist keine Selbstüberhebung, sondern bloss ein gesteigertes Bewusstsein ihrer eigenen Kraft. Und weil der jüdische Geist ein impulsiv wollender, drängender, stürmender war, konnte er sich nicht zur hohen Spekulation emporschwingen, konnte er sich nicht zur Metaphysik durchdringen. Denn nicht Erkenntnis als solche war ihm das Hauptziel, nicht die Natur der Dinge an sich, sondern ihre Wirkung ö * O auf das Leben, ihre Umsetzung in ethische, menschliche Werte. Und da der jüdische Geist nicht metaphysisch denken konnte, da seine ganze innere Welt nicht auf einer notwendigen, gesetzmässig entwickelten, logisch geordneten, abgestuften Anschauung ruhte, konnte er auch nicht sich ästhetisch vollkommen entwickeln. Nicht das mosaische Verbot, Götzenbilder zu machen, lähmte die künstlerische Produktivität des Juden, der antike Jude war zur künstlerischen Schöpfung unfähig, weil bildende Kunst ebenfalls eine Abstraktion ist, ein Sicherheben über das Leben, eine Hemmung des Willens. Und das Ueberwiegen des unbewussten, instinktiven Elementes machte die Juden zu einem tiefreligiösen, zu einem lyrischen Volke. Manche Schriftsteller wollen den Juden die wahre Religiosität absprechen. Und in einem gewissen Sinne haben sie auch recht. Aber man muss den Begriff „Religiosität" auch nicht einheitlich und eindeutig auffassen. Es gibt eine Religion des Gedankens, eine Religion, die mehr eine Philosophie ist — eine solche Religion ist der Buddhismus. Es gibt aber auch eine viel instinktivere Religion des Gefühls, des Herzens, des Willens — und eine solche war die jüdische. Deshalb gelang es den Juden eigentlich nie recht, eine Religionsphilosophie auszubauen — das gedankliche Element war der jüdischen Religion wesentlich fremd. Aus dem Obengesagten lässt sich die Rolle der Juden in der Kulturgeschichte der Menschheit und ihre eigene Geistesrichtung erkennen. Wir wissen, dass das sogenannte Schöpferische im Menschen kein primärer Zug ist. Es ist vielmehr eine abgeleitete Fähigkeit, es ist die Kraft des Intellekts, bereits gegebene Tatsachen oder Erlebnisse neu zu gestalten, innerlich zu ordnen. Es ist sozusagen die Fähigkeit der Auslese unter dem rohen, chaotischen Stoffe der vorgefundenen Welt. Es ist die Kraft, das Unstete, Flüchtige, immer Werdende zu fixieren und zu formen. Mit einem Wort — die schöpferische Kraft ist die Kraft der Formung.1) Das Primäre aber, das eigentlich Originelle, ist der Impuls, der von dem sinnlichen Eindruck begleitet wird. Aber an und für sich, als gesonderte, o-etrennte o ' o Kräfte, kann keiner von beiden geistigen Faktoren eine kulturschaffende Bedeutung erlangen. Sie arten in Einseitigkeit aus. Ohne die Kraft der Formbildung — ein Chaos, ein sich überstürzendes chaotisches Gewoge von Gefühlen und Ideen; ohne die impulsive Kraft — ein enger Horizont, eine stoffliche Armut. Die Juden waren sozusagen die motorischen Nerven der Kulturmenschheit. Nur in Verbindung mit andersgearteten Kulturen haben sie Grosses zustande gebracht. Nur dank ihrem Ansporne ist die europäische Kultur, die eigentlich menschliche, d. h. vor allem die sittliche, zustande gekommen. Nun aber, Kulturen sterben ab, werden überholt, aber ihr Geist bleibt, der Geist, der sie beseelt hatte. Das Hellenentum ist tot, das Judentum ebenfalls. iVber der Geist des Judentums lebt fort. Er lebt im jüdischen Volke, bildet jetzt wie zuvor das Substrat der jüdischen Psyche. Und wir gelangen somit zum modernen Judentum und stossen auf die Frage, also Judentum versus Moderne? Auch in dieser Frage müssen wir vor allem uns klar machen, was wir denn eigentlich unter Judentum verstehen. Verstehen wir unter diesem Begriff das geschichtliche, dogmatische, kristallisierte Judentum, so wird die Analyse des Begriffes „Moderne" uns belehren, dass der in der Fragestellung angedeutete und vorausgesetzte Gegensatz tatsächlich besteht. Denn was heisst Moderne? Carneri (,,Der moderne Mensch") meint, der moderne Mensch heisse derjenige Typus der Menschen unserer Zeit, der ,,durch einen energischen Individualismus gekennzeichnet wird*'. Das Zeichen der Moderne, „unter dem wir kämpfen, ist Universalismus, innere Allseitigkeit betreffs der Bildung, äussere Allseitigkeit betreffs der Fortpflanzung dieser Bildung und ihrer Segnungen". Und ein Moderner durch und durch, zeichnet Julius Hart („Zukunftsland") sein Ideal des modernen Menschen, stellt seine Forderung an ihn: „Sei Herr des Glaubens und des Zweifeins und *) Vergl. hierzu Lester F. Ward: Psychic factors of civilisation.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.