Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 293 - 294 (sequence 3)
- Language
- German
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293 A. Coralnik: Das jüdische Kultur-Problem uud die Moderne. 294 hältnisses zur Welt sich entwickelt haben. Und hierin liegt das Kriterium der Schöpferkraft, der Kultur eines Volkes. . . . Was bietet uns nun das Kulturleben des jüdischen Volkes, wie es sich in dieser kristallisierten Form in den literarischen Denkmälern, in der Bibel, in der rabbinischen und kabbalistischen Literatur der früheren und teilweise der späteren Perioden vor uns liegt? Ist dort eine einheitliche Weltanschauung ausgebildet; sehen wir dort ein Ringen und ein Suchen nach Erkenntnis, nach Harmonie; tritt uns der heisse Wunsch, das schwere Mühen zur Ueberbrückung der Kluft zwischen Mensch und Mitmensch, Mensch und Universum entgegen; finden wir ein langsames, wenn auch nicht induktives, dem modernen Denken mehr oder weniger entsprechendes Fort- und Aufschreiten von Ursache zu Ursache, bis ins Unendliche, bis zur letzten Ursache, bei der der ermüdete Geist Halt macht, um dann wieder mit erneuten Kräften weiter und tiefer zu dringen? Sehen wir bei den Juden wie bei den Hellenen das Bild des Kosmos — die Welt des Geschehens und die Welt der Zwecke in einer Idee hypostasiert, weltliche Schönheit und Sittlichkeit, Ordnung und Gesetzmässigkeit zugleich? Wenn wir dieses Kriterium an die jüdischen Kulturerzeugnisse legen, so werden wir kein allseitiges, befriedigendes Bild bekommen. Der Grundzug des hellenischen Denkens fehlt hier. An Stelle des allumfassenden Weltbildes, wo alles zu allem steht und alles in eins verschmilzt, macht das jüdische Denken den Menschen und seine innere Welt zu seinem Ausgangspunkte und gelangt unmittelbar mit einem Gedankensprung zu der höchsten Stufe der Gedankenwelt, zur ersten Ursache, dem Schöpfer Gott. Und dazwischen ein Hiatus, ein Abgrund, den zu erfüllen das jüdische Denken nicht imstande war. Mensch und Gott — die Welt dazwischen fehlte, es fehlte das einigende Band, die mittlere Prämisse zwischen der ersten Voraussetzung und dem Schluss, und deshalb blieb immer eine Leere. Die Weltanschauung konnte sich nicht logisch gestalten und musste intuitiv, sinnlich anschauend oder mystisch ahnend werden. Es fehlte der jüdischen Kultur das Verständnis für die tatsächliche Welt und für den kausalen Zusammenhang. Und deshalb konnte keine wirkliche Kunst gedeihen, deshalb blieb die Philosophie unfruchtbar, deshalb ist die Gesellschaftslehre kaum entstanden. Es ist zwar wahr, dass das jüdische Gemeinwesen immer so geartet war, dass sich schwer eine soziale Anschauung herausbilden konnte. Aber hätten die Juden wirklich ein Verständnis für das soziale Problem, wären sie imstande, auch die interindividuellen Beziehungen als eine ursächliche Motivenreihe zu betrachten, dann wäre trotz allem eine soziale Lehre entstanden. War doch auch Piatos „Staat" nicht für die Stunde geschrieben. Die Juden haben den wunderschönen Gedanken Piatos: „Das ist das schönste Wort, das jemals gesprochen wurde, und das jemals gesprochen werden wird, dass das Nützliche schön und das Schädliche hässlich ist", nicht nachempfinden können. Moral als Schönheit, also als Ordnung, als Weltharmonie, Mensch und Welt eine Reihe, einander ergänzend, dieser Begriff war dem jüdischen Denken fremd. Auch die Idee der Schönheit ging ihnen ab. Sie unterordneten alles einem Zwecke — und zwar der sittlichen Lebensführung — der Ethik. Und wie die Ethik im Grunde eine teleologische, zielsetzende Gedankenrichtung ist, so war die ganze jüdische Kultur eine ausschliesslich teleologische und eine individualistische. Bei den Propheten, in den späteren Erzeugnissen des jüdischen Geistes, ist immer die Rede von den Individuen und ihren Pflichten gegen einander, nie von der Gesellschaft. Und es ist eine logische Folge der teleologischen Weltanschauung. Alle, die zu dieser Denkart neigen, sind Individualisten und Moralisten. Denn Teleologie schliesst den Gedanken der Entwicklung aus, der Entwicklung, wie wir sie jetzt verstehen (und nicht, wie sie z. B. Trendelenburg aufgefasst hat, der Evolutionismus und Teleologie versöhnen wollte), d. h. einen unbewussten Anpassungsprozess ohne vorherbestimmte Ziele und Wollungen. Und ohne Verständnis der Entwicklung kein Begriff der Gesellschaft. Und jeder religiöse Denker muss ein Individualist sein. Pascal war es, Tolstoi ist es. Die indische Philosophie ist trotz ihrer Grandiosität unfruchtbar geblieben, nicht bloss, weil das indische Leben sich ungünstig gestaltet hat, sondern weil sie von Hause aus einseitig war. Sie war eine ausschliesslich kosmische, sie Hess den Menschen im Weltall aufgehen, sie verwischte alle Grenzen der Persönlichkeit, zerdrückte jede Individualität und gelangte zur Nirwana, und sie wurde religiöser Atheismus, Pantheismus. Die jüdische Philosophie war in das andere Extrem verfallen, sie war eine allzu menschliche, eine nurindividuelle und konnte auch nicht zur Schöpfung einer Welt Weisheit führen und wurde eine positive Religion. Nur den Griechen gelang es, einigermassen das Richtige zu treffen. Aber darin war und ist auch die Grösse, die hohe Bedeutung und der Kulturwert der jüdischen Weltanschauung. Die Juden waren nicht „ein Volk der Mitte", wie Nietzsche die Deutschen mit boshaftem Spotte nennt. Sie waren einseitig, hatten eine einseitig ausgebildete geistige Konstitution, aber eben darum vermochten sie ihr Ideal fort- und weiterzubilden, es bis zu den letzten Konsequenzen zu führen. Sie konnten es auch im Leben durchsetzen, und sie haben es auch zum grossen Teil erreicht. Sie haben die ganze Kulturmenschheit mit ihrem Geiste durchsetzt, sie haben ihr ihre Weltanschauung aufgedrängt. Und eine Zeitlang trat die griechische, die vielseitigere Kultur vor der jüdischen, der leidenschaftlicheren und stärkeren, zurück. Und auch jetzt dauert