Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583924-2590117--03885-2590196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
295 A. Coralnik: Das jüdische Kultur-Problem und die Moderne. 296 noch der Kampf der neuen, modernen Weltanschauung mit der des Judentums fort. Chamberlains Worte, dass die „Arier", wie er sich in seiner scheinwissenschaftlichen Terminologie ausdrückt, sich vom „semitischen" Einschlag befreien müssen, ist keine vereinzelte Meinung. Also war die jüdische Kultur eine wirkliche Kultur; also Judentum versus Moderne? Diese zwei Fragen drängen sich von selbst auf, als notwendige Folge der obigen Betrachtung. Nun die erste können wir nach dem vorigen bejahen, wenn auch nur bedingungsweise. Die jüdische Kultur war eine wahre, schöpferische Kultur insofern, als sie anregend wirkte, als sie auf das Leben des jüdischen Volkes und der ganzen Kulturmenschheit einen gestaltenden Einfluss ausgeübt hatte, als sie, um mit Lazarus zu reden, in der Geschichte die Rolle der „Idee der Gestaltung" gespielt hat — kurz, als eine bewegende Kraft, als ein Stimulus. Wir müssen aber unsere bejahende Antwort einschränken, sobald wir unter Kultur ein allseitiges, weithin ragendes, harmonisches geistiges Gebilde verstehen wollen. Als vollendetes, als abgeschlossenes Ganzes kann die jüdische Kultur nicht gewertet werden, als Werdendes, zum Werden treibendes, bewegendes Element ragt sie hoch über alle anderen Kulturen hinaus. Es klingt wie ein Paradox, aber es ist doch wahr. Das erstarrte Judentum hat nur dann einen Wert, sowohl in der historischen Schätzung, als für die Gegenwart und noch mehr für die Zukunft, wenn wir es als seine Negation, als ein semper mobile betrachten. Und nun, wie kann man sich die Entwicklung des Judentums, der jüdischen Weltanschauung in der Zukunft denken? Ist denn nicht Judentum versus Moderne? Kann die alte jüdische Unterlage den breiten, stolzen Bau des modernen Denkens und Wissens ertragen, werden nicht Unter- und Oberbau unproportioniert sein und wird nicht das ganze Gedankengebäude zusammenstürzen? Um auf diese Frage eine, wenn auch nicht erschöpfende Antwort zu geben, müssen wir vor allem die Psychologie des Juden, und speziell des modernen Juden, als soziologisch bestimmenden und kulturschaffenden Faktors skizzieren. Denn, wie ich schon gesagt habe, nicht um die äusserlichen Erscheinungen der jüdischen Kultur der Zukunft, nicht um ihre Form und Hülle, d. h. Sprache usw., auch nicht um die Masse von Kenntnissen und sonstigen Errungenschaften des denkenden Menschen handelt es sich hier, sondern um das Tiefinnerste, um das Herz und Mark der Kultur, um ihren inneren Wert „an und für sich". Denn „hab' ich des Menschen Kern erst untersucht, so weiss ich auch sein Wollen und sein Handeln" . . Die Frage von der seelischen Beschaffenheit der Juden, von der Psyche des jüdischen Volkes, ist schon oft aufgeworfen und auf verschiedene Art beantwortet worden. Renan, Hommel, Dühring, Chamberlain haben jeder auf seine Art die jüdische Psyche geschildert. „Gedanke eng — weit der Glaube", ist die Formel Renans, eine Formel, die tiefer und wissenschaftlicher als alle übrigen Definitionen der jüdischen Seele sind. Die Formel hat insofern einen Wert, inwiefern sie eine umfassende, alle Kulturelemente einschliessende sein könnte. Könnte, sage ich, aber sie ist es nicht. Sie erklärt nicht alle Seiten und Erscheinungen des jüdischen Kulturlebens, sie ist keine höchste Subsumption aller einzelnen diesbezüglichen Begriffe. Es ist vielleicht auch jetzt eine Sache der Unmöglichkeit, die jüdische Volksseele wenigstens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit genau präzisieren zu können. Steinmetz hat einmal, gegen die modernen Rassentheoretiker, die sehr gerne von einer spezifischen Rassenkultur, vom Rassengenie usw. sprechen, polemisierend, die Ansicht geäussert, dass es jedenfalls noch verfrüht ist, verallgemeinernde Urteile abzugeben. Dazu haben wir noch sehr wenig tatsächliches Material; um von einer Rassenpsychologie sprechen zu dürfen, muss man erst eine „differentielle Volkspsychologie" ausgebildet haben, und auch diese besitzen wir nicht. Und um diese letztere zu bekommen, müssen wir von allen sekundären Elementen absehen und nur die „elementaren Züge" herauszuscheiden suchen. Es. ist ja leicht, von Volkspsychologie zu reden, hypothetische Bilder zu entwerfen, nach Herzbegehr zu phantasieren und schabionisieren. Der Mangel an Material, an wissenschaftlichen Vorarbeiten lässt noch keine wirklich begründete Volkspsychologie, wenn auch nur in grossen Zügen, aufbauen. Wir werden also mit diesem negativen Ergebnis an die Frage nach der Beschaffenheit der jüdischen Psyche herantreten. Also von einer jüdischen Volkspsychologie, von einer allumfassenden, durchgreifenden, alles erklärenden psychologischen Formel können wir nicht sprechen, wir können nur höchstens die „elementaren Züge" herauszuschälen suchen, sie in der höchsten Abstraktion betrachten. Genügt nun Renans Formel diesen Ansprüchen? Kann sie als das relativ höchste und letzte Element in dei abstrakten Betrachtung unseres Gegenstandes gelten? Unter diesem Gesichtspunkte glaube ich die Frage mit Nein beantworten zu müssen. Renan gibt uns nicht nur eine Definition der letzten Elemente, der „elementaren Züge", er spricht schon zugleich von den Wirkungen, er involviert schon die Folge. Und wir müssen diese zwei Seiten der Frage sondern, von einander scheiden. Warum ist der Jude zur Erzeugung einer derartigen Kultur gelangt? Oder vielmehr, welches sind die bestimmenden Charakterzüge, die grundlegendsten geistigen Anlagen, die allen jüdischen Schöpfungen eigen sind? — Wir haben oben betont, dass die jüdische Weltanschauung eine ethische kat' exochen ist, dass die jüdische Denkrichtung eine teleologische, das innere geistige und seelische Gebiet des Juden das Reich der Zwecke und der Wollungen ist. Der Wollungen,