Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Das jüdische Kulturproblem und die Moderne
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 291 - 292 (sequence 2)
- Language
- German
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291 A. Coralnik: Das jüdische Kulturproblem und die Moderne. 292 geronnene decken sich nicht immer, fallen häufig auseinander. Denn sobald eine Idee, eine Wollung aus dem Reiche der subjektiven Erlebnisse in die Reihe der objektiven Tatsachen übergeht, scheidet sie sich von dem sie zeugenden Subjekte, zerreisst die Nabelschnur, mit dem sie an den Mutterleib gebunden wurde, wird autonom. Die äusseren Reibungen des wirklichen Lebens üben auch eine gestaltende, modifizierende Wirkung auf die subjektiven Schöpfungen aus. Die innere Kulturkraft steht nicht in direktem Verhältnis zur äusseren Kulturwelt. Manchmal geschieht es, dass ein Volk von einer hohen geistigen Begabung in ein allzu sprödes, ungünstiges Milieu kommt, wo es seine Kräfte nicht zur vollen Entwicklung bringen kann. Aus diesem Grunde müssen wir die beiden Seiten des zu behandelnden Problems von einander sondern, was selbstverständlich nur als heuristisches Mittel angewendet wird. Ich meine, wir müssen die Ergebnisse der geistigen Arbeit des jüdischen Volkes, seinen Kulturkomplex von der jüdischen Fähigkeit, von der spezifischen geistigen Anlage sondern, die Folge von der Ursache trennen. Um die jüdische Psyche zu begreifen müssen wir vor allem uns nach ihren Aeusserungen, um den jüdischen Intellekt zu beurteilen, müssen wir uns nach seinen Manifestationen und Erzeugnissen umsehen. Man spricht in der letzten Zeit viel von nationalen Kulturen und jedes Volk beansprucht für sich das Recht, das Kulturvolk par excellence genannt zu werden. Franzosen und Engländer, Deutsche und Italiener, sogar Russen und Polen wetteifern um das Primat. Wie wir also sehen, ist das Sichbewusstwerden eines Volkes, sein Sichselbsterkennen die notwendige Folge der nationalen Aufrüttelung überhaupt, ist ein soziologischer Faktor, ein Ring in der Kette des gesellschaftlichen Lebens. Und vielleicht ist Kultur (welcher Begriff hier promiscue für Zivilisation gebraucht wird) überhaupt „im Grunde genommen eine ökonomische Tatsache" wie Giddings sagt. . . . Während aber die einzelnen nationalen Kulturen sich immer mehr und mehr hervorzuheben suchen, während die menschliche Gesellschaft aus einem verschwommenen, undifferenzierten Ganzen immer differenzierter und nuancierter wird, geht andererseits ein entgegengesetzter Prozess vor sich, der der Annäherung, der Verschmelzung der kleineren Kulturkreise mit den grösseren, Beeinflussung der einen durch die anderen, der Kreuzungen und Mischungen. Und wenn die Bestimmung der nationalen Kultur dahin lautet, dass in ihr die Grundzüge des gegebenen Volkes scharf ausgeprägt zur Geltung kommen und eine konkrete Form annehmen, wenn, um mit Grant Allen zu sprechen, die nationale Kultur eine Idiosynkrasie ist, so gibt es schon beinahe ietzt nicht mehr reine, nationale Kulturen. Die Zeit, wo Fichte das Ideal eines isolierten Nationalstaates aufstellen konnte, ist vorüber. Aus diesem Grunde dürfen wir auch beim jüdischen Volke in der Gegenwart nicht von einer nationalen Kultur reden, beim jüdischen Volke am wenigsten. Denn hier ist die Geistesentwicklung nicht dem materiellen und sozialen Fortschritt parallellaufend. Die materielle Entwicklung wird von der geistigen überflügelt, die letztere ist nicht normal und innerlich gesetzmässig. Und wo es keine innere Gesetzmässigkeit gibt, keine notwendige Evolution aus sich selbst heraus, aus den eigenen Anlagen vor sich geht, kann von einer nationalen Kultur als solcher keine Rede sein. Wir müssen also, um die Geistesschöpfungen des jüdischen Volkes in ihrer Reinheit und Originalität kennen zu lernen, zur Vergangenheit greifen. Und hier, im Altertum, treffen wir zwei Kulturmächte von den entgegengesetzten geistigen Anlagen, von entgegengesetzter intellektueller Bildung. Das sind die zwei grössten Völker des Altertums — die die Kulturwelt beherrschten und noch beherrschen — die Juden und die Griechen. Die Antithese Juden-Griechen, oder vielmehr Jude-Hellene, ist eine alte. Sie stammt noch von den Aposteln. „Sintemalen die Griechen nach Weisheit forschen, die Juden Zeichen suchen". So charakterisierte Paulus (Corinther) beide Kulturen nach ihren Grundlagen. Wir werden später eingehender erörtern, wie die psychischen Kräfte, welche die Juden besassen, die sie zur Schöpfung einer derartigen Kultur befähigt hatten, geartet waren. Hier wollen wir die Resultate sichten, die uns das jüdische Geistesleben, als es noch unabhängig war und seiner Natur gemäss sich entwickeln konnte, geliefert hat. Was ist das Merkmal einer Kultur überhaupt, das Kriterium, das uns berechtigt, diesem oder jenem nationalen geistigen Leben oder einer Zivilisation den Wert der eigentlichen Kultur abzusprechen oder denselben anzuerkennen? Unter Kultur verstehen wir nicht bloss eine Masse der angehäuften Kenntnisse, des aufgespeicherten materiellen oder geistigen Reichtums. Dieses alles ist Zivilisation, Bildung, macht aber noch keine Kultur aus. Um zu dieser zu gelangen, muss zu den Tatsachen, zu den einzelnen Daten ein neuer Faktor hinzukommen, und das ist die Vereinigung des gegebenen Stoffes unter einem Gesichtspunkte, die einheitliche Synthese. So wie das Bewusstsein erst dann zu dem wird, was es ist, d. h. zum denkenden, schaffenden, psychischen Faktor, wenn es die einzelnen perzipierten Eindrücke zusammenfasst, apperzipiert, so wird das Volksbewusstsein erst dann schöpferisch, kulturell, wenn es aus dem Chaos der aus der äusseren und inneren Welt kommenden Eindrücke und Erlebnisse sich ein Weltbild konstruieren kann, eine Weltanschauung. Und zur Bildung einer Weltanschauung sind nicht alle Völker gelangt, gerade wie nicht alle Menschen zur wirklich bewussten Synthese ihres innerlichen Lebens, zum vollen Bewusstwerden des „Ich" und seines Ver-