Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Haggadah von Mantua (1560)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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\ 279 Dr. Theodor Zlocisti: Die Haggadah von Mantua (1560). 280 Mittelalters in dem Moses des Michelangelo die Vorlage erkennen darf — wie J. y. Schlosser annimmt, — scheint mir doch recht zweifelhaft, wenn auch in Haltung und Gestalt manches Zeichen dafür spricht. In der Gestalt eines hüpfenden Knaben (dessen Bewegtheit übrigens glücklich dargestellt ist) mit einem windmühlenartigen Spielzeug unter dem linken Arm möchte ich den noch des rechten Fragens Unkundigen sehen. Die wilde Verspieltheit soll wohl auch durch den Federbusch im Haar und den Stecken, auf dem der Knabe reitet, angedeutet werden. Aber auch den des Lesens noch nicht recht Kundigen können die Bilder vom Auszug der Juden aus Aegypten den Inhalt unseres Festes erzählen. In zwei noch recht primitiven Bildern finden wir unsere Ahnen in schwerer Fronde die Städte Pitham und Ramses erbauen. Sorgsam werden die einzelnen Verrichtungen dargestellt: Graben und Ziegelkneten und Brennen und das Hinaufschleppen auf die Gemäuer. Auch Pharaos grausamerBefehl, dass die jüdischen Knaben vernichtet werden sollen, findet in zwei Bildern seinen künstlerischen Ausdruck. Hier hatte Bassan fraglos zwei verschiedene Vorlagen, von denen die eine in ungefügen Formen veranschaulicht, wie die Kinder vor ihren jammernden Müttern ins Wasser geschleudert werden, während die andere Zeichnung in gewandter Triptychongliederung und hoher künstlerischen Durcharbeitung einenMidrasch illustriert: Dass die Kinder ihren Müttern entrissen und von den Kriegern erstochen wurden, und dass Pharao im Blute der Hingemordeten sich gebadet hätte. Aber in Reih und Glied gehen die Unterdrückten dann heraus aus der Knechtschaft, Männer und Frauen, Kinder und Kamele, und Moses, der in gemessenem Abstände vor ihnen hergeht, wendet sich mit ernster Führerrede an sie. "Während aber diese Zeichnung recht unbeholfen ist, sind die nachstürmenden Aegypter trefflich gezeichnet. Der König im Sänftenwagen in der Mitte, und um ihn auf sich hochaufbäumenden Rossen die Aus: Haggadah von Mantua. Reisigen in Eisenpanzer und Sturmhaube. Um den Anachronismus in Gewand und Gewaffen auszugleichen, schiessen einige Vorkämpfer auf straffen Bogen ihre schrecklich widerhakigen Pfeile gegen eine dunkle Wolke, die vor ihnen herzieht und das Bild der Flüchtigen verbirgt. Diese sind ans Meer gekommen und stehen ratlos und ängstlich auf den Führer blickend am Ufer., Nur ein Ochse, der Moses zur Rechten steht, blickt zuversichtlich in die Zukunft. Moses ist in den Mittelpunkt dieser bewegten und geschickten Zeichnung gestellt, die mit Glück alte kirchliche Motive verwendet. Moses, auf dem Kopf eine Mütze — halb Judenhut, halb Tiara — erscheint in der beruhigenden, tröstend-segnenden Haltung, wie sie die Bischöfe schon auf den ältesten Heiligenbildern einnehmen. Aaron aber verrät seine künstlerische Herkunft noch deutlicher durch denerhobenen— Krummstab. Natürlich fehlt auch die Darstellung des Unterganges der Aegypter im Meere nicht. Sie hat noch die grösste Aehnlichkeit mit unseren heutigen Klisches. Nicht in unsere heutigen Haggadahdrucke hat. sich die Schmuckseite des Fluches auf unsere Unterdrücker hinübergerettet. Die Prager Ausgabe von 1526 hat ein besonders kunstvolles Blatt (vgl. Ost und West 1904 No. 3), das oben Adam und Eva zeigt, darunter Judith mit dem, Haupte Holofernes' und den wildhaarigen Simson mit dem Stadttor, unten zwei zottige Männer, die das Prager Wappen halten. In dem Mantuaner Druck ist diese Seite wesentlich einfacher gehalten, aber, nach den Typen und dem Zeilenarrangement zu schliessen, nach der Prager Vorlage entworfen. Hier ist die Rahmenbordüre fortgefallen, nur links ist der Fruchtkranz mit den klimmenden Putten. 'Dagegen ist das -pc^ besonders kunstvoll ausgestattet. Es wächst auf einem Grunde von Eichenzweigen und ist mit einem reichen, fein durchgearbeiteten, schwarzweissen Strauchgewinde umrankt und seitlich von stilisierten Akanthusblättern, von denen dekorative Fruchtquasten herabhängen. Von den figürlichen 9mM mm