Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Haggadah von Mantua (1560)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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277 Dr. Theodor Zlocisti: Die Haggadah von Man tu a (1560). 278 durchs Wasser, im andern sitzt zusammengekauert ein Jude, der von einem flotten Gondoliere ans andere Ufer gerudert wird — im ganzen Aufbau an ein venetianisches Motiv gemahnend, dient es zur Verdeutlichung der Stelle: ,Josua sagte zu allem Volke: Jenseits des Flusses wohnten eure Vorfahren.*' Ein Mann, der auf eine Mondsichel hindeutet, illustriert die Vorschrift, dass man nicht schon am Beginn des Monats Nissan mit der Belehrung der Kinder über den Auszug beginnen solle. Ein ganz eigenartiges Bild, für das es in den Handschriftillustrationen kein Analogon giebt, das sich aber in früheren deutschen Drucken findet und lange beibehalten wird, stellte ein nacktes, üppiges Weib mit flatterndem, zerwehten Haar dar — die Personifikation Israels in engstem Anschluss an die Haggadahworte: „Wie desFeldes Gewächse machte ich dich. Du wurdest stattlich und gross, mit reicher Schönheit geschmückt. Mit gewölbtem Busen und wallendem Haar — wie bist du nackt und bloss." — Auf die Zeremonieen gehen mehrere Bildchen zurück. Das eine zeigt den Vorbeter in der Königskrone der Freiheit mit dem Becher; ein anderes den Hausvater, der bei der Aufzählung der zehn Plagen mit dem rechten Zeigefinger in den (etwas überlebensgrossen) Pokal tippt. Oder zwei Männer, die Mazzah und Moraurkraut in der Hand halten. Auf zwei verschiedenen Bildern ist das Ostermahl gezeichnet; in einem grossen Haushalt vor dem Auftragen des Nachtmahls und in einer kleinen Familie beim Beginn des Festes. Diese letzte Zeichnung ist eine gar treffliche Kunstleistung voll prächtiger Naivität. In triptychonartigem Aufbau werden die Küche, das Festzimmer und die Strasse gezeichnet und mit nicht unebenem Geschick eine Charakteristik in der Physiognomie der Personen versucht: das Mädchen mit dummbehaglichem Schmunzeln, den Kochtopf schier liebevoll streichelnd; die Familienmitglieder in steifer, ernstfeierlicher ,,Herren' 'haltung und draussen der Fremdling mit dem zufriedenen Lächeln, endlich eine gastliche Stätte gefunden zu haben: „Wer da hungert, komme und esse mit uns. Wer in Leid, komm und feiere mit uns das Passahfest!" Dieser Wanderer ist eine köstliche Leistung des damals bei aller pedantisch-schematischen Unbeholfenheit sich kräftig durchringenden künstlerischen Realismus. Man beachte: mit wie intimer Sorgfalt sind die am Knie durchgestossenen und unten ausgefranzten Hosen, ist das armseligzerschlissene Wams gezeichnet. Von besonderem Interesse ist noch die Darstellung der Hasenjagd; und man könnte hier mit vielem Rechte fragen, wie kommt die Jagd in die Haggadah? Wir finden dieses Motiv schon in den ältesten Handschrift-Haggadahs, wo es im letzten Grunde eine Entlehnung einer Dekoration in altchristlichen Kirchen darstellt. Die Jagddarstellung war nachv. Schlosser in der alten Kunst ausserordentlich beliebt und symbolisch gedeutet.. In derHaggadah hat sie die Bedeutung der bildlichen Wiedergabe eines Merkwortes: JKNHZ (= Jajim, Kiddusch, Ner, Habhdalah, S'man). Die deutschländischen Juden aber sprachen das Wort: Jag'nhas' und das Jag'-den-Hasen-Bild war begründet. Natürlich fehlen die vier Fragenden nicht, die in den späteren Drucken auf ein Bild gebracht werden (wobei der Bösewicht als Landsknecht, immer aber als Krieger wiedergegeben wird). In der Mantuaner Ausgabe erscheinen sie noch in vier gesonderten Randillustrationen. Der Vertreter des Chochom ist Rabbi Akiba, der tief in Gedanken versunken dasitzt Ob man für diese Figur mit dem Judenhütchen des Die Ermordung der israelitischen Knaben (nach dem Midrasch). Haggadah von Mantua,