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Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 281 - 282

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Die Haggadah von Mantua (1560)
Date
1904-04-01
Page
Seite 281 - 282 (sequence 9)
Language
German
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281 Dr. Theodor Zlocisti: Die Haggadah von Mantua (1560). 282 Darstellungen bleiben (wie durchweg in dieser Ausgabe) die4 nicht zum eigentlichen Passahbericht gehörigen Beigaben fort. Aber der Messias auf dem Esel reitend — nach einem Midrasch ist es der Esel Bileams — ist geblieben. Und hinter ihm wohl Elijahu, der aut dem Schofer die Ankunft des Messias ankündigt. Elijahu ist der getreue Freund und Berater des leidenden und hoffenden Israel. Er wird uns auch die Errettung bringen. Und so weilt er in unserer Mitte, wenn wir die Gegenwart gewordene Passaherinnerung feiern, als wären wir aus Mizrajim gezogen, und er lauscht unserem Sange, wenn wir um die Wiedererbauung unseres nationalen Tempels flehen — in unseren Tagen! Die Haggadah von Sarajevo schliesst ihren historischen Illuminationszyklus mit dem Bild des zukünftigen Tempels, und der Künstler des Mantuaner Druckes, Jizchak Bassan, fleht in dem Schlussgebet seines Werkes: „Wie Gott seine getreue Zusage gehalten und uns dreimal schon erlöst, so möge er jetzt bei der vierten Erlösung sein Werk recht sehr beschleunigen, dass sein Volk frei werde von der Schwere der Golus und all ihrer Leiden und verzeihen Sünde und Missetat undUebermut und trocknen dieTränen von ihren Wangen und ihren Kummer wandeln in Freude." DIE TC Von H. Kaufmann Brieger wohnte am Ringe, und wenn die Sonne schien, kam er aus seinem Laden und stellte sich auf die Schwelle vor der Tür. Man grüsste ihn dann, denn er galt für reich. Seine Tochter war jung, schlank und schwarz und tändelte, lachte und scherzte, als ich sie kannte. Ihre Augen aber lachten niemals, und wer in ihre Augen sah, sah einen weiten fremden Wald mit dunklen Bäumen. Ich glaubte, sie musste sterben, weil ihre Augen nicht lachen konnten. An einem Tage ging sie heimlich fort und kam nicht wieder. Im Hause ihrer Eltern war man voll Sorge, und als es Abend wurde und sie nicht kam, und niemand wusste, wo sie war, begann ihr Vater leise zu beten und gelobte Geld für die Armen. Ihre Mutter aber, die man in der Stadt für zänkisch hielt, schalt mit lauter und hastiger Stimme ihren Kindersinn und ihre Sorglosigkeit. Sie täuschte aber weder sich noch Kaufmann Brieger über ihre eigene Furcht. An diesem Tage spielten auf den Wiesen vor der Stadt drei Kinder, Knaben und ein Mädchen. Sie waren barfüssig, wälzten sich im Grase, jagten Schmetterlinge und pflückten Blumen. Das Mädchen hatte einen grossen Strauss von roten und blauen Blumen und trug ihn mit beiden Händen, so gross war er. Gegen Abend kamen sie an den Teich, der vor der Stadt liegt. Das Mädchen wollte Schilf zu ihrem Strausse; die Knaben aber überkam das Gelüste, Fische zu fangen. Das musste gar nicht schwer sein. Brotkrumen würden sie ins Wasser werfen, dann kamen die Fische, um zu CHTER Samuel. fressen, und dann würden sie einen oder zwei mit den Händen fangen. Da sah einer der Knaben etwas Seltsames. Wo die Weiden wuchsen und das Wasser am seichtesten war, lag eine seltsame, schwarze Pflanze und zitterte im Wasser und war gross. Sie wateten in den Teich, und einer erfasste das Fremde. Da war es sehr langes, schwarzes Haar, das sich an einem niederhängenden Weidenzweig verfangen hatte und ein bleiches Gesicht tauchte aus dem Wasser, kaum erkennbar im Dämmerlichte. Sie erschraken nicht, sie wussten wenig vom Sterben. Nur das Mädchen Hess vor Ueberraschung die Blumen fallen, die sie mit einer Hand an die Brust gedrückt hielt, die andere hob das Röckchen, und die blauen und roten Blumen fielen auf die langen, schwarzen Haare und schmückten sie wie zum Feste. Im selben Augenblick ging ein Windstoss durch die Bäume, ein Vogel erwachte und begann zu singen, klagend und sehnsüchtig. Später sagte einer der Knaben, ein Mensch habe geweint. Und mit einem Male ward ihnen die Nacht ein entsetzliches Wunder. Die Wiesen waren voll von Unbekanntem, und die blühenden Kirschbäume am Wege waren fremde Wesen und stärker als der Mensch. Und sie schlichen von dannen und reichten sich die Hände, drückten sich sche-tr aneinander und gaben keinen Laut von sich. So gingen sieiiäcfr Hause, und niemandem erzählten sie,' was ihnen begegnet war. Am andern Morgen fand man die Tote und brachte sie ihren Eltern, und in der Stadt wussten

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