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Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 275 - 276

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Die Haggadah von Mantua (1560)
Date
1904-04-01
Page
Seite 275 - 276 (sequence 6)
Language
German
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\ h$ Dr. Theodor Zlocisti: Die Haggadah von Mantua (1560). 276 sammenschluss zum Buch einen reichen und vollen Akkord gibt. Erhöht wird die künstlerische Wirkung durch Randleisten, welche die Seiten umschliessen. Aber auch hier wieder dringt das Streben durch, innerhalb der Gesamteinheitlichkeit die grösstmögliche Mannigfaltigkeit walten zu lassen. Dem Künstler stehen vier Halbbordüren zur Verfügung, die sich ihrerseits wieder aus einzelnen Stücken zusammensetzen: breiter Querschmuck und Längsleisten, von denen die eine wesentlich schmäler ist. Sie stellen Fruchtguirlanden dar, in denen Putti emporklimmen oder musizierend sitzen. Das Leitmotiv in der Anordnung ist, dass in den Randleisten der rechten Seite die Putten der Ouerstücke einander halb zugewendet, auf der linken Seite einander fliehend zum Text hinabbiicken. Von diesem Grundschema weicht der Künstler immer wieder ab. Die Rahmen der rechten und linken Seite werden vertauscht. Bald fehlen die Ouei stücke und werden durch Text oder durch Illustrationen ersetzt, oder wir finden nur ein Ouerstück in die Mitte gerückt, zuweilen auch in die Mitte des Seitenabschlusses, wo besondere Zierstücke nur einige Male verwendet werden. Oftmals wird die Rahmung durch ein Bild geschlossen. Die Seitenleisten werden an vielen Stellen durch schmale Zeichnungen unterbrochen. Einige Seiten haben sich aber völlig von dem Zwange der Rahmeneinschnürung freigemacht, wodurch ganz markante Einschnitte gegeben werden — und doch fügt sich diese bunte Mannigfaltigkeit zu einem Werk von eigenem, abgeschlossenem Gepräge. Die Formensprache der späten italienischen Renaissance, die sich deutlich in den Gewinden und ihrer Belebung mit Engelchen äussert, klingt natürlich auch in dem reichen Bildschmuck wieder an. Besonders in dem Titelblatt mit seinen gewundenen Säulen, die nach der Vorlage der alten Peterskirche in Rom gezeichnet sind. Die einzelnen Illustrationen erinnern mehr oder weniger bestimmt an die Formen des alten deutschen Holzschnittes, der auf dem Umwege über die Ausgabe von Prag 1526 ihren Eingang in die Haggadah von Mantua und in die späteren gefunden hat. Auch in der Auswahl der Motive wird die Prager Haggadah bestimmend. Der Reichtum der Handschriften und die individuelle Darstellung der Illuminatoren erstarrt allmählich zu festeren Formen. Von der biblischen Ueberlieferung fallen alle Partieen bis zur ägyptischen Zeit fort. Und gerade die Schöpfungsgeschichte bot doch den alten Handschriftilluminatoren so viel Gelegenheit, ihre phantastisch-kosmologischen Vorstellungen festzuhalten. Es bleiben: die Arbeiten der Juden im Lande der Knechtschaft, der Auszug, der Untergang des Feindes aus den geschichtlichen Bildern, und von den häuslichen Passahszenen: die vier Fragenden, das Backen der Mazzah, der Vorbeter mit dem Becher etc. In der Mantuaner Haggadah sind die Illustrationen in ihrer technischen Durchführung recht ungleich. Ausserordentlich fein durchgeführte, scharf gezeichnete, wechseln mit rohen und besonders perspektivisch gar sehr rückständigen Zeichnungen, so dass man wohl schliessen muss, dass den Künstler verschiedene Vorlagen anregten, und dass ältere vielleicht schon als Schnitt, sicher aber ohne besondere Ueberarbeitung übernommen wurden. Die Anordnung der Bilder ist meist durch den Text gegeben, zuweilen nur so, dass nicht der Inhalt eines Satzes, sondern nur ein einziges Wort illustrativ begleitet ist. Charakteristisch ist z. B., dass an jener Stelle, wo es heisst: „und er zog uns heraus nicht durch Engelshand . am Rand ein Engel mit einem gezückten Schwert steht. Bemerkenswert ist auch das Bildchen, das einen Fluss zeigt mit drei Schiffen; das eine zieht mit geschwellten Segeln Die Ertränkung israelitischer Knaben. Haggadah von Mantua.

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