Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Haggadah von Mantua (1560)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 273 - 274 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Dr. Theodor Zlocisti: Die Haggadah von Mantua (1560). 274 und markigste aller Schriften, erscheint in mächtigen, ausladenden Typen, noch nicht in jenem gleichmässigen, gleichförmigen und einförmigen Schnitt, den die Maschine liefert. Es ist ein köstlicher Genuss, Buchstaben für Buchstaben zu folgen: jeder hat —, im Gefüge des Ganzen — seine individuelle Form und sein eigenes Leben, obwohl der Leittypus immer markiert bleibt: wuchtige Querbalken und rhombisch anschwellende Längsstriche. Besonders die Köpfe und die Schwänze der einzelnen Buchstaben sind von köstlicher Mannigfaltigkeit. Die Zeiten der Schreiberkünste sind noch zu nah, und der Buchstabenschneider ist in den meisten Fällen noch ein früherer Sofer. Da sind die alten Schreiberlüste und -Launen noch rege und toben sich zumal in den Anfangsbuchstaben aus. Diese'gespreizten, gedrückten, stolzen,verkrümmten, phantastischen,burlesken und grotesken Zeichen tragen noch viele persönlichen Zeichen des Schöpfers mit sich und lassen in das dunkle Triebwerk der Meisterseele mit seinem Auf-und-Nieder tiefe Blicke werfen. Auch unser Bassan lässt seinen Launen die Zügel schiessen. Bald füllt er die Buchstaben mit allerlei Getier, bald mit zierlichen Schnörkeln und ernstemOrnament, oder er fügt sie in kunstvoll es Linienmaschenwerk ein. Manche Buchstaben üben so einen eigenen Zwang aus, dass die Hand sich an ihnen austobt. Ich erinnere an das deutsche „H" in Herrn auf den Bri efumschläge n. — Bei den alten jüdischen Schreibern reizte das und das i ganz besonders. Und es lag Tradition in diesem Reiz. In der Haggadah von Sarajevo finden wir das i als Schwanz eines fabelhaften Vogeldrachens mit langem Schnabel, das h mit Drachenköpfen (oder sind es Giraffenköpfe?) aus deren Mäulern Dorn- Zierbuchstabe. (Haggadah von Mantua.) Zierleiste. zweige spriessen. Unser Meister fügt zwei Gesichter ganz organisch in den Buchstaben, ohne dass der im ganzen Buch wiederkehrende Hauptcharakter des b verschwände. Es ist eben Stil in den Einzelzeichen nicht weniger als im Gesamtaufbau des Werkes. Wir bekommen erst heute wieder, nach einer Zeit handwerksmässiger Verlotterung und der gleichgültigen Routine des Lohnarbeiters, Sinn für die Schönheit des Buches. Erst heute begreifen wir wieder, dass jedes Werk durch die einfachsten Mittel im Arrangement der Zeilen geschmückt werden kann, — einst war der Buchdrucker noch Künstler, und iede Seite zeigte die individuelle Künstlerkraft. Die Mantuaner Haggadah ist geradezu ein Meisterwerk dieser naiven, aber feinsinnigen Raumverteilung. Bald beleben grosse Anfangsbuchstaben das Bild, bald grosse Wörter, die mit viel lichter Fläche in die Mitte oder an die Flanke des Seitensatzes gerückt sind. Die Breite des Druckraumes wechselt oftmals. Die Zeilenlänge ist nicht gleichmässig, weil die alten Setzer keinen Zwischenschuss für die Wortintervalle hatten. Aber es wird durch angefügte Zierstücke (kleine Blumenornamente) ein Ausgleich geschaffen, so dass gewisse Zeilengruppen (zuweilen korrespondierende) gleiche Länge haben. Das Schlusswort eines Abschnittes wird in die Mitte gerückt, wodurch, zumal bei den wenigen Wörtern der einzelnen Reihen, ein kraftvoller Abschluss gegeben wird. Dann wieder ein terrassenförmiges Arrangement einzelner Zeilenpaare oder eine Verjüngung des Satzbildes nach unten. Aber die Anordnungen immer ohne Zwang, leicht und rhythmisch, so dass jede Seite in ihrer Physiognomie eine in sich abgeschlossene künstlerische Einheit bildet und dennoch der Zu- (Haggadah von Serajevo um 1300.)