Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Der Sederabend
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 261 - 262 (sequence 4)
- Language
- German
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261 Dr. E. Baneth: Der Sederabend. 262 nannter Gustus, der die Esslust zu erwecken bestimmt war, und dessen regelmässige, immer wiederkehrende Bestandteile Eier und rohe Kräuter bildeten, insbesondere der sehr beliebte Lattich. Dann folgten als Zukost zum Brote Ziegenfleisch, Fische und Geflügel, worauf Nüsse, Mandeln und andere Früchte, insbesondere Aepfel, als Nachtisch gereicht wurden. Nach diesem letzten Gange wurden die Tischchen hinausgeschafft, der Saal wurde ausgefegt, und wieder brachten die Diener Waschgefässe und Tücher zur Reinigung der Hände. An das Mahl, bei welchem die Römer wenig, die Griechen gar keinen Wein tranken, schloss sich nun ein oft bis in die späte Nacht ausgedehntes Zechgelage, dessen Freuden durch anregenden Gedankenaustausch, durch Gesang, Flötenspiel und Tanz, durch Vorträge und allerlei Kurzweil erhöht wurden. Brachen die heiteren Zecher endlich auf, so besuchten sie nicht selten noch die Gelage anderer Gesellschaften, oder sie schwärmten lärmend und johlend durch die nächtlich stillen Strassen. In Piatons „Symposion" ist uns, von Meisterhand entworfen, das anschauliche Bild eines klassischen Gästmahls erhalten geblieben; doch darf man nicht glauben, dass die Platonische Liebe, d. i. die Liebe zur Idee des Guten, die den Gegenstand jener Schrift bildet, oder ähnliche Probleme des philosophischen Forschens das gewöhnliche Tischgespräch der Gebildeten war. Meist waren es vielmehr gar seichte Reden 'und mehr oder minder harmlose Scherze, welche die Unterhaltung bildeten. Unter der Leitung eines frei gewählten oder durch das Los bestimmten Symposiarchen artete das Gastmahl nicht selten in ein wüstes Trinkgelage aus, denn dem Symposiarchen, der den stolzen Titel eines Königs führte, war eine fast unbegrenzte Machtbefugnis über die Gesellschaft eingeräumt, eine Herrschergewalt, wie sie kein wirklicher König besitzt. Als Pauline Lucca sich einst weigerte, auf Alexanders II. Befehl zu singen, und der ob solcher Unbotmässigkeit erboste Zar aller Reussen ihr andeutete, dass man wohl Mittel habe, sie zu zwingen, da konnte die tapfere Sängerin zur Antwort geben: „Sire, Sie können mich zum Weinen zwingen, aber nicht zum Singen." Der Sym- M. COSCHELL. posiarch dagegen hatte die Macht, seinem selbstherrlichen Willen auch nach dieser Richtung Geltung zu verschaffen, und wenn ihm der Gesang missfiel, durfte er den armen Sünder dazu verurteilen, seinen Becher in einem Zuge zu leeren. Auch bei den alten Persern scheint der Trinkzwang geherrscht zu haben; denn als König Achaschwerosch nach seinem Regierungsantritt seinen geliebten Landeskindern ohne Unterschied des Standes und des religiösen Bekenntnisses in der Hauptstadt Susan ein grosses Festmahl gab, da wurde all den edlen, wohledlen und hochedlen Zechern durch besonderes Gesetz die Freiheit des Trinkens garantiert.28) Vielleicht geschah es den Juden zuliebe, in deren Literatur ich vergeblich nach den Spuren eines Symposiarchen gesucht_ habe. Ob unsere Vorfahren in übertriebenem Freiheitsdurste etwa gar die Freiheit des Durstes als eines der mit uns geborenen Menschenrechte proklamierten, oder ob sie in der Kultur so weit zurückgeblieben waren, dass sie für das Heldentum, das bei den Zechgelagen Triumphe feiert, kein genügendes Verständnis hatten, wage ich nicht zu entscheiden. Noch in zwei anderen Punkten wich die jüdische Sitte von^der griechischen und römischen ab. Diese forderte, dass die Tischgenossen sich mit nackten Füssen auf die Ruhebetten legten, die für je drei Personen bestimmt waren; bei den Juden dagegen hatte jeder ein besonderes Sofa, die Schuhe aber wurden nicht abgelegt. Diese Behauptung stützt sich zwar nur auf einen Beweis aus dem Stillschweigen, ergibt sich jedoch aus einer Stelle,29) an der das Schweigen beredt ist. In allen übrigen Dingen zeigt sich eine oft bis in die kleinsten Einzelheiten sich erstreckende Uebereinstimmung; insbesondere herrscht auch bei den Juden das Streben, dem Gelage durch ernste Gespräche und lehrreichen Meinungsaustausch eine höhere Weihe zu geben. Die Bibel bot zu solcher Unterhaltung überreichen Stoff. Rabbi Simon ben Jochai sagt: „Wenn drei Personen an einem Tische speisen und Worte der Tora besprechen, so ist es, als hätten sie an der Tafel STUDIE. :8) Ester 1, 8. 29) Tosefta B'rachot IV 8 u. V 5.