Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Der Sederabend
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 259 - 260 (sequence 3)
- Language
- German
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^59 Dr. E. Baneth: ) Sind alle Vorbereitungen getroffen und die Becher bis an den Rand mit Wein gefüllt, wird auch für den Propheten Eliahu, den Vorboten der Erlösung, der vor dem Erscheinen des grossen Tages die Herzen der Eltern und der Kinder einander wieder zuwenden wird18), und der an diesem Abend als unsichtbarer Gast in unserer Mitte weilt, ein voller Pokal auf den Tisch gestellt. Dann wird der Seder mit dem Kidduschgebete eröffnet, das aus drei Benediktionen besteht. Nachdem man den Segen über den Wein gesprochen, wird in einer zweiten Benediktion das Fest der Freiheit begrüsst, worauf in einem dritten Segensspruche die göttliche Gnade gepriesen wird, die uns das schöne Fest erleben liess. Es ist der erste der vier Becher, welche nach einer schon in der Mischna19) überlieferten Vorschrift an diesem Abend geleert werden sollen. Sie erinnern nach einer auch im Jeruschalmi20) mitgeteilten Ansicht an vier bedeutsame Worte, mit denen im 2. Buche21) des Pentateuch die Erlösung angekündigt wird: Ich werde euch befreien vom Drucke Aegyptens und werde euch retten aus ihrem Sklavenjoche, ich werde euch erlösen mit ausgestrecktem Arm und grossen Strafgerichten, dann werde ich euch mir zum Volke machen. In diesen vier Ausdrücken gibt sich deutlich eine fortschreitende Steigerung zu erkennen, und man scheint in ihnen vier verschiedene Stadien der Befreiung erblickt zu haben. Der erste Becher gilt der Feier des Tages, an dem Israel das Land verlassen durfte, in welchem es, Jahrhunderte lang gepeinigt und gemartert, der Willkür erbarmungsloser Vögte schier erlag. Mit den Sklaven ketten war aber noch lange nicht der Sklaven sinn gebrochen. Wenige Tage nach dem Auszuge macht das verzagte Volk seinem Führer im Angesicht des verfolgenden Tyrannen den bitteren Vorwurf22): Warum hast Du uns aus Aegypten geführt? War die Knechtschaft dort nicht besser als hier der sichere Tod? Und noch ein Jahr später sehnt es sich, weil ihm das Manna nicht mehr schmeckt, nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurück.23) Es musste erst ein neues Geschlecht in der Freiheit für die Freiheit erzogen werden, ehe „mit ausgestrecktem Arm" die dritte Stufe der Erlösung vorbereitet werden konnte, der Einzug ins gelobte Land, auf dessen heiligem Boden Israel zum Volke Gottes erblühte, zum Priester des ganzen Menschengeschlechts. Denn von Zion sollte die Tora hinausstrahlen, das Wort des Ewigen von Jeruschalajim.24) j Nach dem Kiddusch wird, wie es die Mischna wünscht25), vor das Familienhaupt ein Tischchen gestellt, auf dem sich Lattich oder ein anderes rohes Gemüse und ein Gefäss mit Essig oder Salzwasser befindet. Der Hausherr wäscht sich die Hände, tunkt den Lattich in die Flüssigkeit, spricht den Segen über die 18) Malachi 3, 23-24. 19) P'sachim X, 1. 2<>) Ebenda (37c). 2i) 6, 6—7. 22) 2. B. M. 14, 12. 23) 4. B. M. 11, 4—6. 2i) Micha 4, 2. 25) P'sachim X, 3. Der Sederabend. 260 Erdfrucht und verteilt, nachdem er einen Teil davon gegessen, den Rest an seine Tischgenossen, worauf das Tischchen wieder hinausgetragen wird, um bald darauf, beladen mit den Gerichten des zweiten Ganges, wieder hereingebracht zu werden. Was ist nun der Zweck dieser seltsamen Anordnung? Nach dem Talmud26) soll dadurch die Aufmerksamkeit der Kinder erregt werden, was bisher so verstanden wurde, dass man diese Einrichtung nur getroffen hat, damit sie eben den Kindern auffalle und ihnen Veranlassung gebe, nach dem Grunde dieser Abweichung von der gewohnten Tischordnung zu fragen. Was aber dann, wenn das Ziel glücklich erreicht ist und die Kleinen uns wirklich fragen: Was hat das alles zu bedeuten? Was sollen wir da unseren Lieblingen zur Antwort geben? Wir können ihnen doch unmöglich sagen: Es geschieht bloss deshalb, damit ihr 'was zu fragen habt; weiter hat es keinen Zweck! Da wäre es doch entschieden vernünftiger gewesen, die Sitte einzuführen, dass man mit gegürteten Lenden, die Schuhe an den Füssen und den Wanderstab in der Hand, das Mahl einnehme,, gleich jenem ersten Pesach damals in Aegypten.27) Das würde doch sicherlich den Kindern noch mehr auffallen und stärker ihre Wissbegierde reizen, die wir dann wenigstens durch eine lebendige Schilderung jener heiligen, erwartungsvollen Stunde, jener ewig denkwürdigen, schicksalsschweren Mitternacht, in welcher nach langen, qualvollen Wehen unser Volk geboren wurde, befriedigen könnten. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die rätselhafte Vorschrift der Mischna irgend eine Beziehung zur Geschichte des Pesachfestes hat, eine Beziehung, die uns nur darum nicht sofort klar ist, weil unsere Kenntnis der bei den Juden damals üblichen Speiseordnung sehr lückenhaft ist. Indessen stimmt das wenige, das wir darüber wissen, bis auf geringe Abweichungen so sehr mit den Sitten der Griechen und Römer überein, dass wir da, wo die jüdischen Quellen versagen, zu der Annahme berechtigt sind, dass der Brauch jener Völker auch bei den Juden heimisch war. Nachdem sich die Tischgenossen im Speisesaale auf den Ruhebetten gelagert hatten, wurden Waschgefässe und Tücher zur Reinigung der Hände herumgereicht, worauf die Diener jedem einzelnen ein Tischchen hinstellten, auf dem alle die Speisen, die zu einem Gange gehörten, hübsch geordnet waren. Das Mahl bestand bei den Griechen und ebenso bei den Römern der älteren Zeit nur aus zwei Gängen, einem „ersten Tisch", welcher Brot, rohe Gemüse und einen Mehlbrei, zuweilen auch ein Fleischgericht brachte, und einem Nachtisch mit allerlei Naschwerk, wie Obst, Gebäck, Süssigkeiten und andere Leckereien. In der Kaiserzeit wurden bei den Römern drei Gänge (tria fercula) aufgetragen: zunächst als Vorkost ein soge- 26) Das. 114b. 27) 2. B. M. 12, 11.