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Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 263 - 264

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Der Sederabend
Date
1904-04-01
Page
Seite 263 - 264 (sequence 5)
Language
German
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263 Dr. E. Baneth: Der Sederabead. 264 des Allgegenwärtigen gegessen." 30) Noch heute werden in Gemeinden, in denen der Ruf eines hervorragenden Rabbi eine grosse Zahl von wissensdurstigen Schülern aus nah und fern versammelt, die jungen Gelehrten an allen Sabbat- und Festtagen von wohlhabenden Familien zu Tische geladen, damit sie die Gastgeber durch geistvolle „Wörtchen" aus Bibel und Talmud ergötzen. Was nun die Anzahl der aufgetragenen Gänge betrifft, so herrschte in Palästina zur Zeit der Mischna die römische Sitte der tria fercula, am Pesachabende jedoch gab es deren nur zwei. Den Gustus bildete diesmal das vorgeschriebene Bitterkraut, das eigentliche Mahl aber bestand aus Brot und Fleisch. Das Brot war selbstverständlich Mazza, und als Zukost wurde das am Spiess gebratene Fleisch des Pesachopfers gereicht. Im Hause Hillels wurde sogar nur •ein einziger Gang aufgetragen, in welchem das Bitterkraut mit dem ungesäuerten Brote und dem gebratenen Fleische vereint war. Einen Nachtisch gab es an diesem Abend überhaupt nicht. Reichte das Passah zur Sättigung der Tischgenossen nicht aus, so wurde noch ein Festopfer geschlachtet, dessen Fleisch am Abend ebenfalls auf den Tisch kam. Ausserhalb Jerusalems (und nach Zerstörung des Tempels auch in -der heiligen Stadt selbst) wurden als Zukost zur Mazza beliebige Speisen aufgetragen; es mussten aber durch-- aus zwei Gerichte sein, entsprechend dem Fest- und Pesachopfer in Jerusalem zur Zeit des Tempels. Nun wissen wir aus dem Talmud31), dass der Lattich wegen seiner der Verdauung förderlichen Eigenschaften bei den Juden nicht minder beliebt war als bei den. Römern. Andererseits steht der Lattich unter all den Gemüsearten, die als Bitterkraut im Hinblick auf das Gebot der Tora32) in Betracht kommen, in allererster Reihe33); wenn irgend möglich, sagt der Talmud34), soll Lattich zur Erfüllung dieser Vorschrift gewählt werden, -denn er ist so recht das Bild des hinterlistigen, heimtückischen Verfahrens, das die Aegypter gegen unsere Vorfahren zur Anwendung brachten. Solange die Pflanze noch jung ist, sind ihre Blätter von zartem Wohlgeschmack; mit zunehmendem Wachstum werden sie immer herber und bitterer. So lockten die Aegypter das junge Israel mit süsser Schmeichelrede, um ihm später in demselben Masse, wie es sich entwickelte, wuchs und zum Volke heranreifte, durch immer härtere Fron das Leben zu vergällen. Wie -sollte es nun den Kindern zum Bewusstsein gebracht werden, dass dem Genüsse des Lattich heute eine besondere Bedeutung innewohnt, da er auch sonst sehr häufig als Vorgericht auf die Tafel kam? Deshalb wurde später, da man Wert darauf legte, die Aufmerksamkeit der Kleinen zu erregen, die Einrichtung getroffen, dass man beim nächsten Gange noch einmal Lattich auftrage. Das würde den Kindern auffallen und sie zu der Frage veranlassen: Wir haben *>) Abot III 4. 31) Aboda Sara IIa. 32) 2. B. M. 12, 8; 4. B. M. 9,11. 33) Mischna P'sachim II 6. 34) Babli das. 39a. doch eben erst rohe Gemüse gegessen; warum wird denn nun schon wieder Lattich auf den Tisch gebracht? Worauf die Antwort lauten wird: Das zweite Mal geschieht es zur Erinnerung an die bitteren Leiden, die unsere Väter in Aegypten erleiden mussten. In späterer Zeit scheint man in Palästina zur früheren Einfachheit zurückgekehrt zu sein und auf den Gustus verzichtet zu haben. Nur am Sederabend wurde die aus der Mischnazeit stammende Sitte beibehalten, wie sie sich ja für diese Nacht bis auf den heutigen Tag bei uns behauptet hat, obgleich rohe Petersilie längst nicht mehr zu den ständigen Genüssen unserer Tafel gehört. Nun war aber nicht mehr der Lattich des zweiten Ganges das Auffällige, er bildete ja die alltägliche Zukost zum Brote, vielmehr war es jetzt der als Vorkost aufgetragene Lattich, der als Bitterkraut diente, um die Erinnerung an die Leiden in Aegypten zu wecken. Ob man damals überhaupt noch dieses oder ein anderes Gemüse mit dem ungesäuerten Brote auftrug, ist zweifelhaft. Aber selbst wenn es geschah — und wahrscheinlich war das der Fall — konnte man dem Kinde nicht mehr die Frage in den Mund legen, warum in dieser Nacht zweimal eingetunkt wird; denn in dieser Fassung erscheint offenbar der wiederholte Genuss des Lattichs als das Befremdliche, während in Wahrheit nicht dessen zweite Verwendung als Zukost, sondern gerade die erste als Vorkost ungewöhnlich war. Deshalb gab man der Frage den Wortlaut, den der palästinensische Talmud35) aus einer Baraita des Bar Kappara uns erhalten hat: Sonst essen wir ihn zugleich mit dem Brote und jetzt geniessen wir ihn für sich allein? In Babylonien bildeten rohe Gemüse keinen regelmässigen Bestandteil jeder grösseren Mahlzeit. Dennoch hielt man sich so streng an die Vorschrift der Mischna, dass man sogar, um den Gustus als besonderen Gang kenntlich zu machen, nach demselben das Tischchen wegstellen Hess. Dies geschah, wie der babylonische Talmud berichtet,36) in der Absicht, dass die Kinder den Unterschied merken und fragen. Die erwartete Frage sollte natürlich lauten: Schon wieder rohe Gemüse, die sonst fast gar nicht auf den Tisch kommen, und heute schon das zweite Mal? Dass einmal ein geweckter Knabe (der später so berühmt gewordene Abaje) etwas voreilig, ohne die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten, mit der Frage herausplatzte: „Warum nehmt ihr denn schon den Tisch weg, wir haben ja kaum zu essen angefangen?" — ist noch kein Beweis dafür, dass es auf diese Frage, wie viele annehmen, von vornherein abgesehen war. Im Gegenteil! Es wäre der drollige Vorfall wohl schwerlich überliefert und verewigt worden, wenn der Erfolg, den die Entfernung des Tisches in diesem einen Falle hatte, nicht gar so unerwartet und verblüffend gewesen wäre. (Schluss folgt.) 35) Das. X 3 (37 d). 36) Das. 115 b.

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