Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Der Sederabend
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 257 - 258 (sequence 2)
- Language
- German
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257 Dr. E. Baneth: Der Sederabend. 25a liehen „Mischne Tora" auch der Aesthetik der Mahlzeiten widmet16), aus gelegentlichen, im ganzen Talmud verstreuten Aeusserungen eine Tafelordnung zusammengestellt hat, die an Umfang hinter der Geschäftsordnung des Deutschen Reichstages kaum zurücksteht. Was mögen erst die Perser in diesem Punkte geleistet haben! Vielleicht wird noch irgendwo einmal ihre Tischordnung ausgegraben. Es wäre ja schade, wenn sie für immer der Gelehrtenwelt verloren wäre, denn allem Anscheine nach gebührt diesem Volke — wenn irgend einem — der Ruhm, Essen und Trinken zum Range einer Kunst entwickelt zu haben. In der Tat gehört eine gewisse Kunstfertigkeit schon dazu, in der oben beschriebenen Körperhaltung die Speisen, und insbesondere den gefüllten Becher, zum Munde zu führen. Diese Art des Liegens mag sehr vornehm sein, sehr comme il faut — bequem ist sie nicht. Kein Wunder, dass sie längst aufgegeben, längst nicht mehr in Uebung ist. Nur bei den Juden ist sie noch nicht ganz vergessen. Einmal im Jahre, in der Wundernacht des Pesachfestes, wenn die stimmungsvollen Bilder entschwundener Aeonen wieder lebendig werden und mit den alten Erinnerungen auch die alten Bräuche aus tausendjährigem Schlaf erwachen, da feiert auch diese Sitte ihre Auferstehung. Tritt man an solchem Abend in ein jüdisches Haus, in welchem die Illusion durch keine aufdringliche Ausstattung modernsten Stils gestört wird, so könnte man sich ins Altertum versetzt glauben, und dieser Eindruck wird noch verstärkt in jenen Gegenden, in denen das Familienhaupt zum Seder das Totenkleid anlegt. Steht man da der hohen Gestalt eines ehrwürdigen Rabbi gegenüber, dessen blasses, durchgeistigtes Gesicht ein langer weisser Bart umrahmt, und von dessen Schultern das schimmernde Grabgewand in langen Falten herniederfliesst, so könnte man wohl auf den Gedanken kommen, es sei hier einer jener alten Lehrer aus seiner Gruft emporgestiegen, die einst, um das Befreiungsfest zu feiern, zu B'ne B'rak versammelt waren und die ganze Frühlingsnacht hindurch in das geheimnisvolle Wunder der Erlösung sich vertieften, wie es in der Vergangenheit sich offenbarte, und wie es wohl in einer nahen Zukunft sich gestalten würde, bis ihre Schüler kamen mit der frohen Meldung, die Morgenröte sei schon angebrochen und es wäre an der Zeit, das Sch'ma hinauszurufen, jubelnd zu verkünden: Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig. Ach, es war ein böser Irrtum, der Tausenden und Abertausenden das Leben kostete, eine verhängnisschwere Täuschung, der die Blüte unseres edlen Stammes zum Opfer fiel. Denn das „junge Gestirn",17) das so schön am nächtlich schwarzen Himmel erstrahlte, es war nicht der Morgenstern, der den nahen Sieg des Tages kündet, es war ein glänzendes Meteor, 16) Buch II, lieber die Benediktionen, Kap. 7. 17) Bar Kochba. das nach kurzem Leuchten aus stolzer Höhe in den Staub sank, in seinem Sturze Hunderttausende begrabend. Wohl war die Zeit gekommen, das „Höre, Israel" zu bekennen, aber nicht, um triumphierend es hinauszujubeln in das befreite Land, sondern sterbend es hinauszurufen in die weite Welt, wie jener grosse Lehrer, der damals zu B'ne B'rak der Jüngste in der Tafelrunde war, wie Rabbi Akiba, der unter unsäglichen Martern seine Seele mit dem Worte aushauchte: Der Ewige ist einzig. Welche Bewandtnis aber, wird man fragen, hat es mit dem Totenkleid am Sederabend? Als Grund wird der Ernst der Feier angegeben; die weihevolle Stimmung könnte sonst durch die Festesfreude leicht verscheucht werden, diese wohl gar in laute Ausgelassenheit entarten. Diese Erklärung scheint mir nicht sehr einleuchtend. Ich glaube vielmehr, dass die Entstehung jener Sitte, die weder sehr alt, noch allgemein verbreitet ist, auf die traurige Lage der Juden im östlichen Europa zurückzuführen ist. Dort, wo die Heimat dieses Brauches ist, gestatten es die wirtschaftlichen Verhältnisse auch jetzt nur einigen vom Glück Begünstigten, ihren Kleidervorrat von Zeit zu Zeit zu erneuern. Die meisten unter den Erwachsenen sind genötigt, an den heiligen Tagen des Jahres den einzigen Sabbatanzug, den sie besitzen, bis an ihr Lebensende zu tragen, und vererben ihn dann noch ihren Hinterbliebenen. Aber ein Kleidungsstück gibt es, das sie nicht ihren Kindern zurücklassen — den weissen Kittel, der ihnen ins Grab folgt, ihre müden Glieder dort umschliesst. In den glücklichen, verheissungsvollen Tagen ihres Brautstandes verfertigt ihn das junge Mädchen aus dem feinsten Linnen, näht ihn mit eigener Hand für den Verlobten, der ihn zum erstenmal an seinem Hochzeitstage anlegt. Im weissen Gewände der Unschuld tritt nicht allein die Braut, tritt auch der Bräutigam unter den Trauhimmel, rein und makellos wie sie in jenen Kreisen, in denen man nur eine Moral für beide Geschlechter kennt und noch heute wie zur Zeit des Talmud von den Jünglingen Israels sprechen kann, die die Süssigkeit der Sünde nicht gekostet haben. Vielleicht ist es gar eine falsche Bezeichnung, wenn man dies Gewand das Totenkleid nennt. Es ist wohl richtiger das Hochzeitskleid, das der Ehemann fortan am heiligsten Tage des Jahres, dem Versöhnungstage, und zur Erhöhung der Feier auch am Sederabend als sein bestes und kostbarstes Festgewand anlegt. Daher erklärt es sich, dass Trauernde es nach allgemeinem Brauche nicht anziehen. — Es ist gewiss ein schöner, erhebender Gedanke, dass der Bräutigam im Totenkleide unter den Trauhimmel tritt, um den Bund der Liebe und Treue zu schliessen. Nicht minder aber ist es ein poetischer, ergreifender Gedanke, dass der entseelte Körper in das Hochzeitskleid gehüllt wird, ehe er dem Mutterschoss der Erde übergeben wird, um sich dem Staube wieder zu vermählen, aus dem er hervorgegangen.