Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Der Sederabend
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 255 - 256 (sequence 1)
- Language
- German
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255 256 DER SEDERABEND. Von Dr. E. Baneth. Wenn wir auch nach einem bekannten Worte nicht leben, um zu essen, sind die Mahlzeiten doch unstreitig von genügend hoher Bedeutung für die mannigfachen Beziehungen unseres Daseins, um einen Gegenstand ernster Forschung zu bilden, nicht allein für die Physiologie und die Gesundheitspflege, für die Chemie und die Volkswirtschaft, sondern auch für die Kulturgeschichte und die Altertumskunde. Finden wir doch in der historischen Zeit bei allen Völkern schon feststehende Sitten, die das Wann und Wie der Mahlzeiten regeln und bei aller sonstigen Verschiedenheit das gemeinsame Streben erkennen lassen, das Nahrungsbedürfnis des Menschen den Zwecken der Geselligkeit dienstbar zu machen, wodurch die Befriedigung des Hungers, aus der niederen Sphäre eines rein tierischen Verlangens emporgehoben, zu einem bedeutsamen Kulturfaktor wurde. Nach der Bibel waren die ersten Menschen in der Wahl der Nahrungsmittel auf das Reich der Pflanzen angewiesen.1) Es war ihnen nicht gestattet, das Leben eines Tieres zu vernichten, um das eigene Leben zu fristen. Noah war der Erste, der das Blut eines Tieres vergiessen durfte, um dessen Fleisch zu geniessen, wie er auch der Erste war, der am Blut der Trauben sich berauschte.2) Das Mahl, das Abraham den drei Wanderern vorsetzt, besteht in Milch und Sahne nebst frischem Gebäck und dem zarten, köstlichen Fleisch eines jungen, eben geschlachteten Rindes.3) Wegen der Glut des Tages wird im Freien aufgetragen, im Schatten eines mächtigen Baumes. Die Gäste nehmen, wie es scheint, das Mahl nicht sitzend ein, sondern in halbliegender Stellung, vermutlich auf den Ellbogen gestützt.4) Als zwei der Männer abends bei Lot einkehren, werden sie mit Wein und frisch gebackenen, ungesäuerten Broten bewirtet.5) Das Hauptmahl wurde also damals um die Mittagszeit gereicht, und so war es auch im alten Aegypten zur Zeit Josefs: „Lass schlachten und zubereiten,44 sagt er zu seinem Verwalter, „denn bei mir werden die Männer zu Mittag speisen."6) Es wird sitzend gegessen, und nach der Tafel werden Geschenke verteilt, welche die Gäste nach Hause nehmen.7) W7as aber ausser Fleisch und Brot auf den Tisch kam, wird hier nicht verraten; wir erfahren jedoch an anderer Stelle,8) allerdings aus etwas späterer Zeit, welches die begehrtesten Leckerbissen unserer Vorfahren in Aegypten waren. Da werden in erster Reihe Fische genannt, dann Gurken und Melonen, zuletzt Lauch und Zwiebeln. Merkwürdig ist, dass Eier, die im Talmud9) wegen ihres reichen Nährgehalts sehr empfohlen werden und im klassischen Rom bei keiner ordentlichen Mahlzeit fehlen durften, in der Bibel nirgends als Nahrungsmittel erwähnt werden. Es ist vielleicht nur Zufall. Wann sich bei den Israeliten die Sitte eingebürgert hat, bei Tische die Stühle mit Ruhebetten zu vertauschen, lässt sich nicht genau bestimmen. Unter Jerobeam I. sitzt man noch bei der Tafel.10) Unter Jerobeam II. streckt sich wohl der vornehme Mann auf ein kostbares Lager, um das Mahl einzunehmen11); doch gilt das noch als ein Merkmai der Ueppigkeit und Verweichlichung. Zur Zeit der Mischna aber12) ist es schon ganz allgemeiner Brauch, sich auf ein Sofa zu legen, auf dessen Polster man den linken Ellbogen aufstützt, während man mit der rechten Hand die Speisen und Getränke zum Munde führt. Zum mindesten herrscht diese Sitte bei der Hauptmahlzeit, die gewöhnlich gegen Abend stattfand, wo man sich nach vollbrachtem Tagewerk mit grösserem Behagen den Freuden der Tafel und mit mehr Müsse dem Genüsse einer angeregten Unterhaltung hingeben konnte. Vormittags begnügte man sich mit einem frugalen Frühstück, das in der Regel gegen 10 Uhr auf den Tisch kam. Zuweilen nahm man am frühen Morgen einen kleinen Imbiss und frühstückte dann erst um die Mittagszeit oder noch später.13) Auch bei den Griechen und bei den Römern wurde das Hauptmahl des Tages in der früheren Zeit gegen Mittag, in der klassischen Periode gegen Abend aufgetragen. Fast zur selben Zeit änderte sich auch die Körperhaltung an der Tafel. Bei Homer sitzen die Gäste Agamemnons auf Stühlen; bei dem berühmten Gastmahl des Dichters Agathon, das Piaton in seinem „Symposion" verewigt hat, liegen die Teilnehmer auf Ruhebetten. Die Römer übernahmen diese Sitte von den Hellenen, diese mögen sie von den Persern gelernt haben, woher sie vermutlich auch die unter Cyrus und seinen Nachfolgern in ihre Heimat zurückkehrenden Juden nach dem Lande Israels verpflanzten. Die Perser galten unseren Vorfahren noch in späterer Zeit als Muster des guten Tones, als nachahmenswerte Vorbilder eines edlen Anstandes. „Was ich an den Persern so liebe," heisst es im Talmud14), „das ist in erster Reihe die feine Sitte, die sie beim Essen beobachten," und der das sagt, ist kein Geringerer als der Patriarch Rabban Gamliel. Zweihundert Jahre später sagt noch ein Exilarch zu R. Scheschet: „Ihr seid zwar sehr gelehrte Herren, allein was die Tischordnung betrifft, da sind die Perser euch über".15) Nun muss man wissen, dass Maimonides, der in seiner Gründlichkeit ein Kapitel seines unsterb-!) 1. B. M. 1, 29. 2) Das. 9, 3. 3) Das. 18, 6—8. 4) Das. 18, 4. 5) Das. 19, 3. 6) Das. 43, 16. ') Das 43, 33—34. «) 4. B. M. 11, 5. 9) B'rachot 44b. io) 1. Kön. 13, 20. n) Arnos 6, 4. *2) B'rachot VI, 6; Tosefta das. IV 8, V 5. *3) Sabbat 10a. 14) B'rachot 8b. 15) Das. 46 b.