Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 251 - 252

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
M. Coschell
Date
1904-04-01
Page
Seite 251 - 252 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583923-2590023--03837-2590079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

251 Georg Hermann: M. Coschell. 252 dem die Empfindung für diese Pfirsichweiche der Haut kann eigentlich nur das gesellschaftliche Beieinander geben. Ich weiss nicht, ob ich darin verstanden werde, aber ich meine, man muss Gesellschaftsnerven besitzen, um so etwas herauszufühlen. Und Gesellschaftsnerven gehören ebenso zum Schaffen eines Bildnisses, wie des jungen blonden Menschen mit seiner über lebensgrossen Zigarre, der müde und gelangweilt, leise spöttelnd durch den Kneifer aus blassem Gesicht uns anblickt, weil wir nicht so interessant angekränkelt sind und im Ilofmansthal und Stefan George nicht so genau Bescheid wissen wie er. Im Bild — das im Format breiter ist wie hier der Ausschnitt und durch geschickte Gruppierung fesselt — steht famos ein roter Fleck, die Krawatte, in der Mitte als grellster Wert, um den sich die anderen, nach den Bildrändern abstufend, gruppieren. Wie so eine gepflegte Aesthetenhand hier gemalt ist mit seinem milchig-blauen Fleisch im Schatten, das erfreute schon mein koloristischempfängliches Gemüte. Wer Bildnisse dieser Art zu schaffen weiss, der verspricht viel. Die Stellen guter Porträtisten der heutigen Gesellschaft sind noch alle plait. Aber noch eine andere Seite zeigt die Künstlerschaft Coschells; und das ist jene, derenthalben hier vor allem von ihm gesprochen werden soll. Er freut sich an der scharfen, charakteristischen Eigenart östlicher jüdischer Typen; sie reizen ihn malerisch und zeichnerisch; er interessiert sich für ihr Wesen, ihre M. COSCHELL. zu besetzen. S'il vous Gebräuche und Riten, die malerischen Winkel ihrer Häuser, ihrer Schulen. Sie sind ihm künstlerische Probleme, reizvoll, liebreichen Studiums wert. Er sieht diese Welt ohne jede Sentimentalität mit feinem, klarem Auge. Sein grosses Bild der letzten Ausstellung — viele Quadratmeter — war wohl im ganzen nicht gelungen, war auch zu dünn und hart in der Farbe und gab nicht das, was die Studien dazu versprachen; aber was Coschell sonst an Einzelschilderungen östlichen Wesens geboten hat, gehört zum besten, das mir hiervon begegnet ist. Der Vorgang des grossen Bildes bedarf keines Kommentares, seine Fehler ebensowenig. Dem Ganzen haftet doch zu sehr das Komponierte, das Gestellte, der künstlich geschaffene Konflikt an, es ist etwas Theater, der literarische Inhalt ist nicht verquickt mit den rein künstlerischen, malerischen Werten; trotzdem muss ich gestehen, dass die Arbeit — jeder Mensch hat ein Stück Kunstbanause, ein Stück Hausknechtsseele in sich, die auf starke Reize reagiert —, dass sie zuerst nicht ohne Eindruck auf mich blieb. Einzelne Studien zu dem grossen Bild, so der Kopf der alten Frau von dem seltsam chinesischen Typ, haben mir in dem breiten, dumpf verglühenden Gold des Tons, in dem sie hingestrichen, dann mehr gegeben. Welche technischen Fähigkeiten Goschell besitzt, zeigen am besten seine Bleistudien, fein, locker und zierlich, wie mit einem Silberstift hingestrichen; sie könnten geistvoller sein, mehr Elan, mehr Wucht zeigen, — aber wie zart, wie PORTRÄT.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.