Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Achad - haam: Moses. 244 / Und als dann nach vierzig Jahren das neue Ge- } schlecht daran geht, diesem unnützen Wüstenleben ein Ende zu machen und zu der unterbrochenen nationalen Arbeit zurückzukehren — da stirbt der Prophet, und ein anderer Mann tritt an die Spitze des Volkes und führt es in sein Land hinein. Warum stirbt der Prophet und darf nicht selbst sein eigenes Werk bis zu Ende führen? Die Ueberlieferung gibt bekanntlich hierfür keinen ausreichenden Grund an, aber sie hat mit richtigem Sinne erkannt, dass es so sein muss. Wenn die Stunde kommt, in der das Ideal in der Wirklichkeit verkörperlicht werden soll, kann der Prophet nicht mehr an der Spitze des Volkes stehen, sondern ist gezwungen, seinen Platz einem anderen einzuräumen, weil von eben dieser Stunde an eine neue Periode anhebt, die Periode des Abschlusses der Prophetie, die Periode der Einschränkungen und Vergleiche, die in der Natur des Kampfes um das Leben liegen. Endlich nimmt die Sache in ihrer Existenz eine ganz andere Form an, als wie der Prophet sie sich in Gedanken vorgestellt hat, und daher ist es für ihn besser, dass er in der Wüste stirbt, als dass er all das selbst mitansehen müsste. „Sich gegenüber wird er das Land sehen, aber dorthin kommen wird er nie." Er brachte sein Volk bis zur Grenze, richtete ihre Geister in die Zukunft und gab ihnen ein hohes Ideal, zu dem sie in der Not ihre Augen erheben und Trost und Hilfe finden können — aber für alles Folgende mögen andere kommen, die befähigter dazu sind, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen; mögen sie dann tun und erreichen was sie wollen, ob viel oder wenig, trotzdem ist es doch nicht alles das, was der Prophet gewollt hat, und nicht so, wie er es gewollt hat. Der Prophet selbst lebte im Glauben an sein Ideal und starb in demselben. All das Gemeine, das er in seinem Leben gesehen hat, hat ihn doch nicht an der Hoffnung auf die Zukunft verzweifeln lassen und den Glanz des Ideals, der ihm von fern zuleuchtete, aus seinem Innern getilgt. Und so stirbt er mit lichtigem Antlitz, mit Worten des Trostes für die kommende Zeit auf seinen Lippen; er starb — sagt die Tradition — „durch einen Kuss": durch seinen unlöslichen Zusammenhang mit seinem Ideal, dem er sein ganzes Leben gewidmet, um dessentwillen er bis zu seinem letzten Atemzuge geschafft und gelitten hat. Als Heine die Grösse Rabbi Jehuda Halevis, des Meisters der jüdischen Dichter, schildern wollte, sagte er über ihn, er sei durch einen Kuss geboren worden. Das ist indessen ein dem Judentum fremder Begriff, und daher hat die nationale Ueberlieferung, als sie die Grösse des Meisters des Propheten schildern wollte, bei ihm nicht von einer Geburt, sondern von einem Tode durch den Kuss gesprochen: er stirbt durch einen Kuss, nachdem er sein Werk vollendet, seine Pflicht erfüllt hat, nachdem er die Last des Lebens geduldig getragen und sein Leben lang wie ein starker Fels im brandenden Meer gestanden hat, ohne sich seitwärts zu neigen und ohne sich vor den Elenden zu bücken, die gegen ihn aufstehen und ihn von seinem Platze verdrängen wollen. Ich sagte oben, dass der Schöpfer stets in seinem Ebenbiide schafft. Bei der Gestalt des Moses aber hat der Geist unseres Volkes ganz besonders das Beste seines wahren Wesens verkörpert. Daher sagen die Mystiker im Judentum: „Der Funke Moses lebt in jedem Geschlecht." Und in der Tat leuchtet ein Funke von „Moses" aus dem ständigen Düster im Leben Das braucht erst nicht lange C/r>ntftpDfprfo»p vw 'OTWJIJHWPW tob* unseres Volkes heraus, bewiesen zu werden, wir haben nur das Gebetbuch aufzuschlagen, um fast auf jeder Seite zu sehen, dass diese innere Strömung, die das prophetische Ideal in seinem ganzen ewigen Umfang verkörpern will, sogar in den grausigsten Zeiten nicht aus unserem Volke gewichen ist, während es selbst in unaufhörlicher Gefahr lebte und von seinen Verfolgern von Land zu Land gehetzt wurde. Ein Leben in der Gegenwart hat Israel nie gehabt. Voll Schmerz lag es stets am Boden, voll Grimm und Bitterkeit über das Rohe und Gemeine in der Gegenwart, und doch war es immer voll der glänzendsten Hoffnungen und des tiefen Glaubens an den Sieg des Guten und Gerechten in der-Zukunft. Und im Hinblick auf diese seine Hoffnung und seinen Glauben konstruierte sich das Volk in seiner Gedankenwelt die Vergangenheit und mühte sich ab, sie möglichst bunt auszuschmücken, um sie zum „Spiegelbild der Zukunft" zu gestalten. Sogar die hebräische Sprache, die Hülle des jüdischen Geistes, kennt nur ein Perfektum und Futurum, aber kein Präsens. Da prallen die Ansichten umsonst aneinander und gehen himmelweit in der Bestimmung des Grundcharakters unseres Volksgeistes auseinander: hie Optimismus, hie Pessimismus. Und doch ist beides in ihm, nur richtet sich sein Pessimismus bloss auf die Gegenwart und sein Optimismus nur auf die Zu- Rabbi Akiba. (Haggadah von Mantua.)